Bücherei ist kein Straßenverkehrsamt

31. Januar 2012 12:06

Leserbrief von Petra Pohlmann, König Ludwig, zum Artikel "FDP sieht Efeu-Haus als Bibliothek" und zum Auf ein Wort "Doppelter Tabubruch" in der RZ vom 31. Januar

In dem Kommentar zu dem Artikel wird geschrieben, dass der Vorschlag der FDP, interkommunale Zusammenarbeit zu vollziehen und die zentrale Bücherei zu schließen, um dafür die Bücherei in Herten zu nutzen „Reflexartigen“ Widerspruch herausfordern würde. Außerdem wird ein Zitat eines weiteren FDP-Mitglieds genannt, dass sich niemand aufregt, dass das Straßenverkehrsamt in Marl ist. Ich weiß nicht, ob ich reflexartig reagiere – aber unwidersprochen, darf das nicht bleiben. Unabhängig davon, dass ich nichts gegen interkommunales Zusammenarbeiten habe, kann man doch wohl schlecht alles über einen Kamm scheren.

Vorweg – ich kenne viele, die sich darüber aufregen, dass sie nach Marl müssen, um Angelegenheiten ihres Fahrzeugs dort zu regeln (und ich wohne in RE – was sagen nur die aus C-R, Gladbeck oder Waltrop?). Aber – ich habe ein Auto, was ja dem entspricht, wofür das Amt steht. Ich habe auch die Möglichkeit, bei einem Neuwagen Behördengänge über den Händler abwickeln zu lassen, und auch im Internet kann ich viele Sachen erledigen. Es ist zwar umständlich, aber als erwachsener Autofahrer muss ich damit leben, auch in Marl umständlich einen Parkplatz zu suchen und den Großteil eines Tages für das Amt einzuplanen. Aber kann man eine Bücherei damit vergleichen?
Vollkommen richtig könnten Erwachsene nach Herten fahren (aber ob sie jedoch den Aufwand auf sich nehmen?) – doch eine Bücherei soll und dient ja Heranwachsenden, Jugendlichen und Kindern. Können die mal eben längere Wege fahren? Zeit und Gelegenheit mal vorausgesetzt.

Ich selber hatte das große Glück, die Liebe zu Büchern im Bücherbus ausüben zu können. Da meine Eltern keinen Führerschein (also auch kein Auto hatten) war der Weg als Knirps in die „richtige“ Bücherei kaum machbar – zumal meine Mutter mich alleine (in diesem Alter) kaum losschickte. Es mag sein, dass Jugendliche über Schokoticket mal eben die paar Kilometer mit den „vorzüglichen“ Buslininien zur Bücherei in Herten kommen – aber was ist mit den kleineren Kindern, die Lesen gerade entdecken? Kann man die mit Autofahrern vergleichen, die mal schwupps nach Marl fahren. Und warum sind die Leute von der FDP gleich zu kleinlich? Warum nicht gleiche eine zentrale Bücherei für alle in einer Stadt (klappt ja beim Straßenverkehrsamt auch). Oder wenigsten nur eine Bücherei in einer Stadt. Viele Städte sind ja so klein – da könnten ja die Eltern ran.

Aber vielleicht sollte man sich gleich das Lesen sparen. Billige Comics sind ja in Geschäften zu bekommen (Klientel der FDP). Lesen und Bildung wird eh überbewertet. Wer die haben will, muss sich halt einsetzen. Interkommunale Zusammenarbeit bei Müll, Schneeräumung, Straßenarbeiten - mühselig.

Räte einsparen, Absprachen der Kommunen bei Problemen untereinander... wahrscheinlich alles zu viel verlangt.
Büchereien zumachen (oder wahlweise Bäder) das ist eh nicht wichtig. Die Bürger sind zu sehr verwöhnt - und vor allem die Kinder und Jugendlichen. Ich empfehle dem Vorschlagenden und dem Redakteur des Kommentars, das Auto stehen zu lassen und via Öffentlichen Verkehrsmitteln (oder Fahrrad) mal eben auf der Schnelle sich ein Buch auszuleihen (gerne bei sibirischen Temperaturen). Gut, das mag jetzt zu reflexartig sein - aber ich muss ja irgendwie mein Kopfschütteln kompensieren. 

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