Nasta (14) ist eine der Patientinnen auf der Krebsstation in Chisinau. Kindern wie ihr wollen wir helfen. Moldawien ist arm. Dies erlebten wir vor allem auf dem Land. --Foto Sünder
Das Land hat ungefähr vier Millionen Einwohner – und eine einzige Kinder-Krebsstation in der Hauptstadt Chisinau. Die Station hat 26 Plätze. Es gibt eine Chefärztin, vier Ärztinnen, neun Krankenschwestern und zehn Pflegerinnen.
Menschen, die sich hingebungsvoll um die kleinen Patienten kümmern, doch oft vergeblich. Dann bleibt eines der Betten für kurze Zeit leer. Den Kindern wird gesagt, das Kind sei nach Hause gegangen. Dann hat der Tod wieder gesiegt. Und er siegt oft hier.
Die Kinder. Es schnürt einem die Kehle zu, wenn man dort fotografiert, mit ihnen redet, mit den Eltern redet, ihnen zusieht, wie sie spielen. Oder wie sie unter der Therapie leiden, wie sie ihre Schmerzen ertragen.
Nikita ist vier Jahre alt. Er ist der Stationsclown, weiß alles, beobachtet, zieht einen sofort ins Gespräch. Der Junge spricht Russisch, Rumänisch und einen Roma-Dialekt. Er hat Leukämie, braucht eine Knochenmarktransplantation. Die können sie hier nicht machen und die Familie könnte sie auch nie bezahlen. Er will nach Hause, aber die Familie hat sich schon lange nicht mehr blicken lassen. Er wird bleiben, bis die Pflegerinnen den anderen Kindern eines Morgens sagen: „Nikita ist nach Hause gegangen,“ – und sein Bett neu bezogen wird.
Dann treffen wir Nasta. Sie ist 14, gehört zur bulgarischen Minderheit. Sie hat Krebs, hat Probleme mit den Augen, die Ärzte wissen noch nichts Genaues. Hin und wieder kommt ihre Mathematiklehrerin zu Besuch. Die Eltern haben kaum Zeit, sie müssen arbeiten, die anderen drei Kinder versorgen.
Dr. Irina Plaschevici ist die Chefärztin der Hämatologie am Institut für Onkologie in Chisinau, also der Kinderkrebsstation. Sie verwaltet den Notstand: das viel zu niedrige Budget, die viel zu wenigen Behandlungsplätze, nicht ausreichende Medikamente, zu wenig Personal. Und das viel zu große Elend.
Eines der ganz großen Probleme ist die Nachsorge nach einer Therapie auf der Station. Dr. Plaschevici: „Wir versuchen, die Eltern zu schulen. Aber wir wissen, dass wir in vielen Fällen auf Unverstand stoßen. Die Realität draußen auf dem Land und in den Familien ist einfach anders als die Theorie hier auf der Station. Uns fehlen Medikamente, uns fehlen Therapiemöglichkeiten, wir können keine Knochenmarktransplantationen machen. Wir versuchen unser Möglichstes. Aber draußen in den Familien läuft alles ganz anders. Leider.“
Dr. Plaschevici hat Deutsch und ihr Handwerk in Wien gelernt. Sie weiß, wie es laufen müsste auf einer Krebsstation. Sie weiß aber auch, wie es läuft, wenn die Kinder zu Hause sind. Das wollten wir auch wissen. Wir sind raus aufs Land gefahren, raus aus der Hauptstadt, in der sich die Autos drängeln.
Eine Reise durch Moldawien ist eine Art Zeitreise. Man fährt in Chisinau in der Jetztzeit ab: ein moderner Flughafen, Feierabendverkehr wie bei uns, Klimaanlage im Hotel, TV mit vielen europäischen Programmen. Zuerst kommt die Autobahn: gepflegt, breit, von den Russen in der Sowjetzeit aus strategischen Gründen angelegt, die Panzer sollten rollen. Dann wird man um viele Jahrzehnte zurück katapultiert. Die Landstraßen werden schmaler und holperiger, der Asphalt verschwindet, große Schaf- und Gänseherden auf der Straße.
Die Steinhäuser machen bunten Holzhäusern Platz, und irgendwann kommt man nicht mehr weiter: Auf der Straße liegt ein Berg frisch geernteter Mais. Mitten drin drei alte Frauen, die ihn per Hand pulen. Verwitterte Gesichter, schrundige Hände, von einem harten Leben gezeichnet. Eine Frau spricht Deutsch: „Ich heiße Katharina, bin 83 Jahre alt. Mein Mann ist tot. Ich habe umgerechnet 58 Euro Rente, deshalb muss ich arbeiten.“
Das soziale Netz, die medizinische Versorgung, endet in Moldawien hinter der Stadtgrenze von Chisinau. Hier verdienen die Menschen 80, 90, auch schon mal bis zu 120 Euro im Monat. Die Renten liegen zwischen 18 und 70 Euro. Der hygienische Standard ist unglaublich: Hinter den Häusern finden wir fast immer Latrinengruben. Manche Häuser haben Wasseranschluss. Viele aber haben noch einen Ziehbrunnen, aus dem das Trinkwasser mit Eimern geholt wird. Es ist unkontrolliertes Grundwasser von zweifelhafter Qualität. In so gut wie jedem Haus gibt es Hunde, Katzen, Hühner. Sie leben mit den Familien und mit den kranken Kindern.
Ion ist fünf Jahre alt. Er ist zwischen zwei Therapien nach Hause gekommen in das Dorf Peresecino. Er sollte Diät halten, einen Mundschutz tragen. Als wir ihn treffen, jagt er die Hühner im Hof. Federn fliegen, Hühnerkot wird hochgewirbelt. Der Mundschutz ist lästig, er hat ihn abgestreift. Seine Mutter freut sich, dass Ion so munter ist. Als wir wieder gehen, sitzt er japsend im Schatten. Er ist bleich, schweißüberströmt. Es geht ihm nicht gut. In drei Tagen soll er wieder nach Chisinau. Eine neue Therapie beginnt, die jedoch unter den Lebensumständen daheim kaum Chancen auf Erfolg hat.
Diesen Teufelskreis wollen wir durchbrechen, für diese Kinder wollen wir in der Finsternis ihres Lebens ein Licht der Hoffnung anzünden. Bei dieser Aktion arbeitet die Düsseldorfer „Stiftung UNESCO – Bildung für Kinder in Not“, mit der wir auch in diesem Jahr wieder unsere Weihnachtsaktion durchführen, mit dem Wiener St. Anna-Kinderspital zusammen. Das ist spezialisiert auf die Behandlung von Kinderkrebs. Der weltbekannte Experte Prof. Dr. Helmut Gadner wird die Ausgabe der Spendengelder überwachen, gemeinsam mit der UNESCO-Kommission in Chisinau. Folgende Schwerpunkte werden gesetzt:
- Verbesserung der Situation bei den Medikamenten;
- Anschaffung von modernen Geräten, die bessere Therapien ermöglichen;
- Schulung von Ärzten und Schwestern im St. Anna-Kinderspital in Wien;
- Verbesserung der Elternaufklärung.
In den nächsten Tagen werden wir Ihnen, liebe Leser, die Schicksale der Kinder und Eltern schildern. Sie werden erschüttert sein über das, was in diesem nahen und doch so fernen Land geschieht. Wir bitten Sie, diese Weihnachtsaktion zu einem Erfolg zu machen. Wir bitten Sie um Ihre Spende – für die krebskranken Kinder von Moldawien.


