Anatoli (7): Lebensgefährliche Armut

Von Heinz Sünder am 19. Dezember 2011 15:01

CHISINAU/MOLDAWIEN. Das Zimmer ist einfach nur eine Bruchbude. Die Wände sind feucht und von Schimmel zerfressen. Solche Zustände kennen wir nur aus den Nachkriegsmonaten 1945/46, als Millionen Flüchtlinge Westdeutschland überschwemmten und die Städte in Schutt und Asche lagen. Im Moldawien des 21. Jahrhunderts ist das fast überall auf dem Lande Normalität.

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Verschimmelte Wände, zerrissene Bettdecken, hier lebt Anatoli (rechts) mit seiner Mutter Nina, Bruder Mihail und dem gerade fünf Monate alten Alaxandro. Foto: Heinz Sünder

Es gibt zwei Betten in diesem Zimmer: ein großes für die Mutter und die drei Kleinsten und ein kleineres Bett für Anatoli und seinen Bruder Michael. Eine Normalität, mit der Anatoli leben muss.
 
Der Siebenjährige leidet an einem Morbus Hodgkin, besser bekannt als Lymphdrüsenkrebs. Eine Erkrankung, die bei uns in etwa 95 Prozent der Fälle bei Kindern geheilt werden kann, wenn moderne Untersuchungsmethoden und standardisierte Behandlungsformen (Kombinations-Chemotherapien) gezielt eingesetzt werden.
 
Und genau da liegt das Problem: Denn Anatoli wird nicht bei uns in Deutschland in einem Zentrum für Kinderkrebs behandelt, sondern in der moldawischen Hauptstadt Chisinau auf der dortigen einzigen Kinderkrebsstation des Landes. Und dort hat er keine 95-prozentigen Heilungschancen.
 
Um Anatoli und den vielen anderen Kindern auf dieser Kinderstation zu helfen, haben wir sie als Hilfsprojekt unserer diesjährigen Weihnachts-Spendenaktion 2011 ausgewählt.
 
Anatoli ist ein zartgliedriges Kind mit einem fein gezeichneten Gesicht. Er ist sehr ruhig, sehr langsam in seinen Bewegungen. Gelacht hat er während unseres Besuches nicht ein einziges Mal. Auch nicht, als er die mitgebrachten Geschenke auspackte: Malbücher, Süßigkeiten, T-Shirts. Er hat alles mit seinem Bruder Mihail geteilt. Ohne Gezanke.
Anatoli ist eines der Kinder, deren Augen einen nicht los lassen. Er hat einen festen Blick, der einen anrührt. Man fragt sich: Was weiß er, was kann er beurteilen, hat er Hoffnungen? Wie soll er die haben? Noch nicht einmal seine Mutter Nina (29) weiß genau, was los ist. Alle drei Monate muss Anatoli nach Chisinau, wird dort behandelt. Dann darf er nach einigen Tagen wieder nach Hause.
 
Und das sieht so aus: Das Haus der Großmutter, das eine Zimmer, ein Garten, in dem Gemüse wächst. Der Vater ist vor einem Monat nach Moskau gefahren, arbeitet dort als Hilfsarbeiter. Geld hat er noch nicht geschickt. Mutter Nina: „Wir haben Erspartes, die Oma hilft mit ihrer Rente.“ Die beträgt 650 Lei im Monat, das sind knapp 45 Euro. So kann man auch in Moldawien nicht lange leben. Vor allem nicht mit einem Kind, das eine Diät bräuchte und Medikamente.
 
Selbst wenn Anatoli in Chisinau richtig behandelt wird, selbst wenn er ausreichend Medikamente bekommt – bei diesen häuslichen Umständen nützt das wenig. Dr. Irina Plaschevici, Chefin der Krebs-Kinderstation, kennt das Problem: „Wir tun mit unseren Mitteln alles für die Kinder. Wir geben den Eltern, meistens den Müttern, genau Instruktionen für eine Diät und die Lebenshaltung, aber was nützt das. Die Realität auf dem Lande ist eben einfach anders.“
 
Anatoli geht gerne zur Schule, dort ist es schöner als zuhause. Er macht auch mit, wenn die Kinder Fangen spielen. Ob das richtig ist für seinen Zustand? Die Mutter zuckt mit den Schultern: „Ich kann ihn nicht festbinden. Er hat ja sonst nichts. Ich kann ihm kein Buch kaufen, keine Malsachen. Vielleicht wird es besser, wenn der Mann Geld aus Moskau schickt.“
 
Und so lebt Anatoli im Dorf Malastii-Noi, kämpft mit seiner Krankheit und steckt im Teufelskreis der Armut, der Unwissenheit und der nicht ausreichenden Behandlungsmöglichkeiten. Da sinkt eine 95-prozentige Chance sehr schnell auf unter 50 Prozent – und das ist ein Todesurteil für ein Kind, das gerade erst angefangen hat zu leben.
 
Mit unserer diesjährigen Aktion wollen wir erreichen, dass Kinder wie Anatoli eine faire Chance bekommen, dass ihnen geholfen werden kann. Der gute Wille ist ganz bestimmt da, aber nur mit dem guten Willen kann man eben nicht immer heilen. Kinder wie Anatoli brauchen Hilfe – und wir können helfen. Gezielt und sicher.

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