20-Jährige hilft Leukämie-kranker Frau: Helene rettet ihren genetischen Zwilling

Serie Es gibt sie überall. Eigentlich gehört jeder dazu. Zu den VIPs. Damit meinen wir allerdings nicht die „Very Important Persons“, die auf roten Teppichen rumstöckeln, sondern die „Very Interesting Persons“, die uns im Bus, an der Supermarktkasse oder im Schwimmbad begegnen. Wir stellen Euch bei Scenario junge Menschen vor, die ganz klar VIPs sind. Heute: Helene.

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  • DKMS

    "Mund auf gegen Blutkrebs" - wer Stammzellen spenden will, muss sich zunächst bei der DKMS registrieren. Foto: Valéry Kloubert für DKMS

  • VIP Helene

    Ein Mensch, der für andere da ist, ist ein VIP für uns: Danke fürs Spenden, liebe Helene. Foto: Kathi Lenger

Aktuell sind Ärzte in Deutschland in der Lage, für knapp 75 Prozent der an Leukämie erkrankten Patienten einen voll kompatiblen Spender zu finden. Doch ist es wichtig, sich bei der Deutschen Knochenmarkspende (DKMS) registrieren zu lassen. „Stäbchen rein, Spender sein“, lautet das Motto der DKMS.

Helene hat es gemacht und sich mit 18 Jahren registrieren lassen. Im Sommer dieses Jahres – zwei Jahre später – kam eine SMS, dann der entscheidende Anruf. Die Anruferin der DKMS erklärte Helene, dass ihre Daten zu 80 Prozent mit einer Patientin übereinstimmen würden. Nun solle ihr Blut abgenommen werden, um zu überprüfen, ob auch die restlichen Prozentpunkte passten. Das taten sie. Die DKMS hatte Helenes genetischen Zwilling gefunden. „Im ersten Moment war ich überrascht und auch etwas geschockt. Mit dem Anruf habe ich überhaupt nicht gerechnet. Die Freude einem Menschen helfen zu können, hat dann aber überwogen“, erzählt Helene.

Die 20-Jährige hasst Spritzen und kann nicht gut Blut sehen. Trotzdem hat es sie nicht davon abgehalten, sich als Stammzellenspenderin registrieren zu lassen. „Wenn man damit tatsächlich einem kranken Menschen helfen kann, ist die Angst vor Spritzen doch eine lahme Ausrede, es nicht zu tun. Genauso wie die Ausrede, keine Zeit dafür zu haben“, sagt sie. Also nahm die Chemie-Studentin ihren ganzen Mut zusammen und spritzte sich fünf Tage vor der Spende morgens und abends mit Medikamenten. „Das Spritzen war nicht so schlimm wie befürchtet. Auch die Kopfschmerzen, die ich als Nebenwirkung bekam, gingen vorüber. Keine wilde Sache“, sagt Helene.

Die Medikamente sorgten dafür, dass sich die Stammzellen vermehrt im Blut ansammeln. Das war wichtig, denn Helenes Stammzellen sollten per Blutwäsche aus ihrem Blut entnommen werden und nicht über das Knochenmark. Die Stammzellenentnahme ist über beide Wege möglich. Bei der Registrierung kann der Spender angeben, für welchen Weg er bereit ist. Allerdings kommt es auf den kranken Patienten an, über welche Methode die Zellen gewonnen werden müssten. „Gibt man also bei der Registrierung an, dass man gegen die Knochenmarkspende ist, kann man seinem genetischen Zwilling womöglich nicht helfen, wenn er die Stammzellen gerade über diese Methode benötigt. Ich habe deshalb von vornherein beiden Möglichkeiten zugestimmt“, sagt Helene.

Drei-Stunden-Eingriff – bei vollem Bewusstsein

Bevor sie tatsächlich spenden durfte, wurde sie von einem Arzt zunächst gründlich durchgecheckt, um zu klären, ob sie die Spende auch gut vertragen würde. Im Gegensatz zur Knochenmarkspende, bei der der Eingriff unter Vollnarkose stattfindet, war Helene bei ihrer Spende bei vollem Bewusstsein. „Ich habe in einer Klinik, die sich auf die Stammzellenspende spezialisiert hat, zwei Zugänge gelegt bekommen. Bei dem einen Zugang wurde mir Blut entnommen, dann wurde es zentrifugiert und mir per zweitem Zugang am anderen Arm gleichzeitig wieder zugeführt. Die Spende hat insgesamt drei Stunden gedauert.“ Das ist um einiges länger, als die Blutspende, die gerade mal fünf Minuten dauert.

Nach der Spende blieb Helene noch eine Nacht in der Klinik. „Das dient einmal zur Beobachtung und auch für die Möglichkeit, die Spende am nächsten Tag noch mal zu wiederholen, falls bei der ersten Spende nicht genügend Stammzellen gewonnen werden konnten“, sagt die Spenderin. Bei ihr war die erste Spende erfolgreich.

Nun ist die 20-Jährige für zwei Jahre als Spenderin für ihren genetischen Zwilling reserviert. „Nach einem halben Jahr wird überprüft, ob die Spende bei der Patientin erfolgreich war. Falls nicht, wird sie noch mal wiederholt“, sagt Helene.

Über ihren genetischen Zwilling weiß Helene aus Datenschutzgründen nicht allzu viel. „Was ich weiß ist, dass es sich um eine erwachsene Frau aus den Niederlanden handelt, die an Leukämie erkrankt ist.“ Über den anonymen Weg dürften die beiden Frauen Briefe austauschen. Weil die Patientin aus den Niederlanden kommt, dürfen sich die beiden allerdings nicht kennenlernen. Käme sie aus Deutschland, wäre dies nach zwei Jahren theoretisch möglich. „Einen Brief habe ich bisher noch nicht geschrieben. Ich wünsche mir, dass sich die Patientin erst einmal erholt und dass meine Spende bei ihr anschlägt. Alles weitere hat Zeit.“

Nicht nur Helene, auch ihre Eltern und Freunde sind stolz, dass die 20-Jährige so selbstlos einem fremden Menschen geholfen hat. Durch ihre Spende hat Helene auch schon weitere dazu angestiftet, sich registrieren zu lassen. Auch ihr Freund ist nun ein möglicher Stammzellenspender. Selbst einen Organspendeausweis hat sich Helene längst zugelegt. „Bisher habe ich mich nicht getraut, aber ich möchte zukünftig auch regelmäßig Blut spenden. Ich würde mir wünschen, dass sich noch viel mehr Menschen dazu entscheiden, Stammzellenspender zu werden. Die Ärzte in der Klinik haben mir erzählt, dass sie jeden Tag mehrere Spenden erfolgreich durchführen. So unwahrscheinlich ist es also gar nicht, seinen genetischen Zwilling zu finden und womöglich einem Menschen das Leben zu retten.“
Wer sich auch als Stammzellenspender registrieren lassen möchte, kann sich über die Website der Deutschen Knochenmarkspende www.dkms.de informieren.




Kennt Ihr junge Menschen (bis 25) aus unserer Umgebung, die „Very Interesting Persons“ sind? Dann gebt uns einen Tipp, gern per E-Mail: scenario@medienhaus-bauer.de