Ein Tag, zwei Leben: Wenn die Eule mit der Lerche wohnt...

Der Wecker klingelt. Frühaufsteher und Langschläfer gehen damit ganz unterschiedlich um. Können sie miteinander befreundet sein? Diese Story zeigt’s.

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  • Feldlerche

    Zur Kategorie "Frühaufsteher" gehören Lerchen. Foto: Andreas Neuthe (dpa-Zentralbild)

  • Waldohreule

    Wäre diese Waldohreule ein Mensch, könnte man mit ihr nachts gut um die Häuser ziehen. Foto: Patrick Pleul (dpa-Zentralbild)

Der Tag der Lerche
5:46 Uhr. Ich wache früh auf – wie immer noch vor dem Weckerklingeln. Es ist noch dunkel, aber trotzdem bin ich voller Energie. Ich schwinge die Füße aus dem Bett. In Windeseile bin ich angezogen. In der Küche greifen meine Finger nach dem Radio auf der Küchenzeile. Doch dann fällt mir ein, dass meine Mitbewohnerin Nele, die Eule, ja noch schläft. Also stöpsle ich mir lieber meine Köpfhörer ein, als das Radio einzuschalten. Ich decke den Tisch, hole frische Brötchen vom Bäcker und mache Rührei. Ich summe bei Ed Sheeran mit und versuche, möglichst leise das Geschirr auf dem Tisch zu platzieren. Eigentlich wollten Nele und ich heute shoppen gehen, aber bis die aufwacht, kann es sich noch um Stunden handeln. Da ich das weiß, schreibe ich kurz eine Nachricht, wann wir uns wo treffen können und fahre kurzerhand in die Bücherei zum Lernen. Ich hasse es, den Morgen so ungenutzt verstreichen zu lassen…

13:17. Nach mehreren Stunden intensiven Lernens macht mein Handy „Pling“. Es ist Nele, die mir antwortet. Unglaublich, wie lange die im Bett liegen kann! Aber immerhin schaffen wir es – sie, die Eule, und ich, die Lerche – uns zu verabreden.

14:00. Wir treffen uns im Einkaufszentrum. Ich kann’s nicht fassen! Nele ist schon wieder ohne Frühstück aus dem Haus gegangen. Na ja, ist ja auch klar eigentlich. Sie verbringt ihre Zeit lieber mit Schlafen. Aber mit ihr kann man super shoppen und wir haben richtig viel Spaß. Zu dieser Uhrzeit sind wir auf einer Wellenlänge. Der Nachmittag verfliegt nur so.

17:50. Wir sind wieder zu Hause in der Küche. Dort kochen wir Spaghetti Bolognese. Ich scherze, dass ich langsam einen Kaffee vertragen könnte, und obwohl es ein Witz ist, spüre ich bereits, wie die erste Müdigkeitswelle meinen Körper erfasst. Ich kann nur lächelnd zuschauen, wie Nele voller Energie durch die Küche tanzt.

19:24. Ich liege müde auf meinem Bett, lese und surfe ein wenig im Internet.

21:50. Ich kann mich nicht mehr wachhalten. Kurz stecke ich noch den Kopf in Neles Zimmer. Die hängt über ihren Ordnern und lernt. Ich verstehe nicht, wie sie um die Uhrzeit noch irgendetwas in ihren Kopf bekommt. „Lernst du noch?“, frage ich ungläubig. „Ja, klar. Ich werde gerade erst richtig wach“, antwortet sie grinsend. Mit einem „Gute Nacht“ schließe ich die Tür hinter mir. Dann falle ich in mein Bett.

4:42. Irgendetwas weckt mich. Was ist das für ein Geräusch? Ach ja, die Wohnungstür. Das ist bestimmt Nele. Sie geht öfter nachts noch aus. Beruhigt drehe ich mich um und denke daran, dass wir beide, so unterschiedlich wir auch sind, doch ein sehr gutes Team bilden. Morgens trällere ich, die Lerche, zwar schon, und abends jagt Nele, die Eule, wenn ich schon lange schlafe. Aber immerhin: Der Nachmittag gehört uns beiden.

Der Tag der Eule
6:30 Uhr. Ein nervtötendes Geräusch weckt mich. Ich drehe mich im Bett um und ziehe mir das Kissen über den Kopf. Ich will einfach nur weiterschlafen. Mit einem Stöhnen drehe ich mich wieder zurück. Es ist der Wecker, na klar. Was habe ich mir nur dabei gedacht, an einem Wochenende so früh aufstehen zu wollen?

6:35. Das gleiche Geräusch weckt mich erneut. „Nur noch fünf Minuten“, denke ich, und drücke auf die Schlummer-Taste.

6:40. Beim dritten Klingeln versuche ich wirklich, wach zu bleiben und stelle den Wecker aus. Ich blinzele minutenlang in die Schwärze – und drifte wieder ab ins Land der Träume.

12:41. Ich wache auf. Mein Handy blinkt. Ich greife danach, versende an meinen Freund, der mir geschrieben hat, lächelnde Gesichter und Küsschen, obwohl es mich viel Willenskraft kostet, die Augen offen zu halten und in das helle Bildschirmlicht zu starren.

13:05. Langsam quäle ich mich aus dem Bett und mache mir einen Kaffee. Meine Mitbewohnerin Lina kann ich dabei nirgendwo entdecken. Ach ja, jetzt fällt’s mir ein, sie ist zur Stadtbücherei gefahren. Wie schafft sie es bloß, so früh aufzustehen? Sobald ich den ersten Schluck von meinem Kaffee genommen habe, werde ich ihr schreiben. Stimmt ja: Wir wollen shoppen gehen!

14:00. Jetzt treffe ich mich in der Stadt mit Lina. Auf einmal habe ich Hunger – kein Wunder, ich hab’ ja noch gar nicht gefrühstückt. Lina kann nur verständnislos den Kopf schütteln, als ich erkläre, dass ich heute Morgen nichts gegessen habe. Wir steuern deshalb den nächsten Bäcker an – und dann geht’s richtig los mit dem Shoppen. Wir ziehen in den Umkleiden die unmöglichsten Teile an und kugeln uns vor Lachen.

17:50. Wieder zurück in unserer WG. Lina und ich kochen zusammen. So langsam taue ich richtig auf. Die Worte sprudeln nur so aus mir heraus und ich tanze in der Küche zur Radiomusik.

19:24. Ich sitze an meinem Schreibtisch, Musik spielt aus den Lautsprechern und ich bin motiviert genug, für die Uni zu lernen. Noch ein Kaffee und den nächsten Ordner vorgenommen!

21:50. Ich bin voll konzentriert bei meinen Aufgaben und erschrecke mich kurz. Lina steht im Türrahmen. „Lernst du noch?“, fragt sie ungläubig. Sie hat ihren Schlafanzug schon an. „Ja, klar. Ich werde gerade erst richtig wach“, antworte ich grinsend. Das zweite Mal an diesem Tag schüttelt sie verwundert den Kopf und wünscht mir noch eine „Gute Nacht“ – und dann ist sie auch schon verschwunden. Ihr zuliebe setze ich jetzt meine Kopfhörer auf und summe nur noch ganz leise zur Musik mit.

00:56. Mir schreibt eine Freundin, die gerade in einem Club ist und mich mit dabei haben will. Da kann ich nicht Nein sagen.

01:12. Ich schwinge mich auf mein Rad und los geht’s zum Club. Ich kann’s kaum erwarten, die Tanzfläche zu stürmen. Irgendwie muss ich ja meine überschüssige Energie loswerden…

04:42. Ich schließe die Wohnungstür auf und kann mich selbst gerade noch davon abhalten, die Tür hinter mir zuzuknallen. Lina schläft doch schon. Deshalb bin ich ganz leise und tappe auf Zehenspitzen herum. Dann beende auch ich meinen Tag als Eule und falle ins Bett. Dort denke ich kurz an Lina, die Lerche, und daran, dass wir trotz des unterschiedlichen Lebensrhythmus gut zusammenleben können.



AUTOR
Marleen Wiegmann
ZUM ARTIKEL
  • Erstellt:
    1. März 2018, 12:09 Uhr
    Aktualisiert:
    24. Mai 2018, 03:33 Uhr
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