Als der BVB vor dem Abstieg stand: 17. Mai 1986: Der Tag, an dem die "Kobra" zubiss und die Fortuna kein Glück hatte

Dortmund Selten waren die Rollen bei einem Revierderby so eindeutig verteilt wie bei der 178. Auflage: Die Fans des Tabellenzweiten Borussia Dortmund freuen sich schon seit Tagen auf den Bundesliga-Klassiker im Signal Iduna Park, in sicherer Erwartung eines klaren Erfolges gegen den angeschlagenen Erzrivalen Schalke 04, der als 15. vier Spieltage vor Saisonende noch Angst vor dem Sturz auf den Relegationsplatz hat. Dabei wäre ein wenig Demut bei den schwarz-gelben Anhängern durchaus angebracht. Denn ein Blick auf die Bundesliga-Historie beweist: Auch dem BVB ist der Abstiegskampf nicht fremd. Wir werfen einen Blick zurück auf den 17. Mai 1986, an dem der Verein vom Borsigplatz kurz vor dem Abgrund stand.

  • Wegmann

    Sein Tor zum 3:1 erlöste am 17. Mai 1986 die Dortmunder: Der frühere Stürmer Jürgen Wegmann vor seinem Stern auf dem "BVB Walk of Fame" Foto: Schwarz

In seiner wechselvollen Geschichte seit der Gründung 1909 hat der Traditionsklub aus Dortmund schon so manche Krise erlebt. Selten war die Situation aber kritischer, als an jenem Tag im Mai. Der BVB, der seine Fans schon in den beiden vorangegangen Spielzeiten als 13. und 14. maßlos enttäuscht hatte, belegte 1985/86 nach 34 Spieltagen nur den 16. Tabellenplatz, was schon damals den harten Gang in die Relegation gegen den Dritten der Zweiten Liga - in diesem Fall Fortuna Köln - bedeutete. 

"Euro-Fighter" kämpfte für Schwarz-Gelb

Im Hinspiel knüpften die Dortmunder, die damals in erster Linie eine Truppe von "Fußball-Arbeitern" à la Lothar Huber, Frank Pagelsdorf, Günter Kutowski und dem späteren Schalker "Euro-Fighter" Ingo Anderbrügge waren, nahtlos an ihre schwachen Leistungen in der regulären Saison an. 2:0 hieß es am Ende für die Domstädter, die sich auch im Rückspiel lange Zeit auf dem Weg in die Bundesliga wähnten. Schon in der 14. Minute ging die Fortuna durch Bernd Grabosch mit 0:1 in Führung. Die meisten der 54.000 Besucher im damals noch deutlich kleineren Westfalenstadion waren entsetzt.

Zwar konnte die Borussia das Blatt in der zweiten Hälfte durch einen Strafstoß des noch jungen Michael Zorc (54.) und den Treffer des Rumänen Marcel Ráducanu (68.) wenden, jedoch musste unbedingt noch das 3:1 her, um eine damals obligatorische Wiederholungspartie zu erzwingen. Denn die Regel, dass die erzielten Auswärtstore bei gleicher Tordifferenz nach Hin- und Rückspiel den Ausschlag über den Sieger geben, gab es vor 33 Jahren - zum Glück für die Dortmunder - noch nicht. 

Ausgerechnet Wegmann

Doch allem "Sturm und Drang" in der Folgezeit zum Trotz: Der erlösende Treffer wollte einfach nicht fallen - auch weil Fortunas polnischer Keeper Jacek Jarecki mit zahlreichen Paraden glänzte. So brach also die 90. Spielminute an, und die enttäuschten BVB-Fans rüsteten sich schon zum Aufbruch. Aber plötzlich gab es doch noch einmal ein Getümmel im Kölner Strafraum. Irgendwie kam der Ball zu Jürgen Wegmann, der nur noch den Fuß hinhalten musste und aus kürzester Distanz das 3:1 markierte.

Nicht zuletzt aufgrund dieser Szene gab man dem Stürmer im Nachhinein den Spitznamen "Kobra". Die BVB-Fans werden sich damals aber gedacht haben: "Ausgerechnet Wegmann!" Schließlich hatte dieser schon zuvor seinen Wechsel zum Erzrivalen Schalke 04 bekanntgegeben und dadurch "Judas"-Rufe im Westfalenstadion provoziert.

Rauball auf Händen getragen

Was sich dann im Anschluss an den sofortigen Abpfiff der Begegnung abspielte, hatte schon etwas Surreales. Die zuvor noch lethargischen Dortmunder Anhänger stürmten den Rasen und trugen den damaligen Präsidenten Dr. Reinhard Rauball auf Händen. Man hätte meinen können, der BVB wäre gerade Deutscher Meister geworden. Dabei hatte die Elf doch lediglich in allerletzter Sekunde den Abstieg verhindert. Aber die tumultartigen Szenen gingen noch lange weiter. Auch Reporter Helmuth Bendt vom Privatsender Sat.1., der die Relegation damals live übertrug, konnte angesichts lauter "Heja BVB"-Rufe keine vernünftigen Interviews mehr führen.

Hier die letzten zehn Minuten des Relegations-Rückspieles im Video:


Der Bundesligist konnte diese Euphorie ins Entscheidungsspiel am 30. Mai 1986 auf neutralem Platz im Düsseldorfer Rheinstadion mitnehmen. Die Truppe von Trainer Reinhard Saftig gewann diesmal hochüberlegen mit 8:0 und sicherte so den Klassenerhalt. In der nächsten Saison 1986/87 hatte sich das Abstiegsgespenst dann endgültig aus Dortmund verabschiedet: Der BVB zog als Tabellenvierter sogar in den UEFA-Cup ein.

Der Anfang einer Erfolgsgeschichte

Der Rest ist bekannt: In den Folgejahren wurde der Klub zur festen Größe im deutschen Fußball, holte fünf Meistertitel, drei DFB-Pokalsiege und gewann 1997 sogar Champions League und Weltpokal.

Fortuna Köln fehlte dagegen auch in den kommenden Jahren das nötige Quäntchen Glück, um den zweiten Sprung in die höchste deutsche Spielklasse (nach 1973) zu schaffen. 2003 drohte dem Verein von Mäzen und Präsident Jean Löring sogar die Insolvenz, aktuell kämpft man als 16. gegen den Abstieg aus der 3. Liga.