Bewegende Feier zum Auschwitz-Gedenktag: Erinnerung und Gesten der Versöhnung

MARL Eine anrührende Geste der Versöhnung kam am Abend des Holocaust-Gedenktags von Halina Birenbaum. „Ich bin so bewegt, dass junge Menschen in Deutschland so etwas machen“, sagte der 87 Jahre alte Gast aus der israelischen Partnerstadt Herzlia im Rathaus nach den Auftritten der AkzepTanz Company und des Projektchors der Boje. „Ich wünschte mir so etwas auch in Israel.“

  • Halina Birenbaum mit ihrer Gastgeberin Christel Schrieverhoff und Enkeltochter  Yael . Foto: Christoph Schneeweis

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Der 27. Januar ist Tag der Erinnerung an die Opfer des Nationalsozialismus. In der Feierstunde der Stadt Marl gab es am Abend eindringliche Momente und erschreckende Fakten.
„Die Auseinandersetzung mit der NS-Geschichte ist unbequem“, hatte Bürgermeister Werner Arndt bei der Begrüßung im voll besetzten Saal gesagt. „Wer sich damit beschäftigt, stößt auf Abgründe menschlichen Versagens. Das Erinnern gibt Opfen einen Teil ihrer Würde zurück.“ Begonnen hatte der Abend mit einem ökumenischen Gottesdienst, den Pfarrer Herbert Roth für die katholische Kirche und Pfarrer Ulrich Walter von der esm gemeinsam gestalteten.
Thomas Köhler von der Forschungsstätte Villa ten Hompel in Münster widmete seinen Vortrag „Handlanger im staatlichen Auftrag“ der Rolle der uniformierten Ordnungspolizei und zeigte, wie kaltblütig sie zum Erfüllungsgehilfen der Tötungsmaschinerie im NS-Terror wurde. 3,2 Millionen Personen zählt die Ordnungspolizei in den Jahren 1942/43, erläuterte Thomas Köhler. „Sie war die Schlüsselorganisation bei der Umsetzung des Holocaust“, so der Historiker. Die Polizei war beteiligt an Massenerschießungen und an Transporten in Vernichtungslager. Selbst in den Lagern wirkte sie beim endlosen Töten mit. 62 Prozent der Holocaust-Opfer seien direkt oder durch Mitwirkung der Ordnungspolizei ums Leben gekommen, erklärte Thomas Köhler.

Er nahm auch Bezug auf Halina Birenbaum. „Ich habe keinen Groll“, sagt die 87-Jährige heute. In Schulen berichtet sie Schülern von ihrer Jugend, als sie zehn war, erlebte sie zum ersten Mal, was Verfolgung, Gefangenschaft und Todesangst bedeutet. Sie überlebte das Ghetto von Warschau, Auschwitz und weitere Konzentrationslager. Als sie befreit wurde, war sie 15 Jahre alt.

Was Halina Birenbaum und viele Gäste der Gedenkveranstaltung besonders berührte, waren Musik und getanzte Bilder. Der Projektchor der Boje-Theatergruppe präsentierte unter musikalischer Leitung von Niklas Floer Lieder aus dem Musical „Das Tagebuch der Anne Frank“, das am 6. April im Theater Marl seine Uraufführung erlebt. „Ich möcht‘ so gerne atmen“, sang die 13-jährige Hanna in der Rolle der Anne Frank.
Zur Musik aus dem Film „Schindlers Liste“ zeigte die AktzepTanz Company in einer Choreografie von Mohan Thomas, ihre Aufführung „Gegen Fremdenfeindlichkeit heute“, ein Stück ohne Worte von Angst, Hoffnung und Tod – und davon, dass die Opfer nicht vergessen sind. Am Ende zündeten die Tänzerinnen und Tänzer Kerzen der Erinnerung an.
 
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