Jugendtraum

Dattelnerin will mal so richtig ausrasten

Schlagzeugerin in einer Rock-Band, davon träumt Veronika Diering, seit sie ein Teenager war. Die Pandemie-Zeit hat die heute 34-Jährige genutzt, um diesem Traum ein Stück näherzukommen.
Veronika Diering hat sich mit 34 Jahren einen lang gehegten Traum erfüllt. Sie lernt Schlagzeugspielen. © Sebastian Balint

Das rhythmische „uffta-uffta“ ist bis auf die viel befahrene Straße zu hören. In einem Mietshaus würde das vermutlich für Ärger mit den Nachbarn sorgen. Um dem aus dem Weg zu gehen, hat sich Veronika Diering in einem Proberaum der Rock’n’Roll Musikschule in Castrop-Rauxel eingemietet. Hier fährt sie einmal die Woche hin, um an einem richtigen Drum-Kit üben zu können. Zu Hause habe sie nur ein kleines E-Drum, also ein elektrisches Schlagzeug. Auf dem kann sie über Kopfhörer üben, ohne Nachbarn oder Familie zu stören.

Die große weite Welt der Rhythmik

„Aber das ist einfach nicht dasselbe“, erklärt sie lachend. Die Widerstände seien anders, das Spielgefühl sei einfach nicht zu vergleichen. Dann spricht sie über Ghost Notes, Fill Ins, Sechzehntel und Triolen. Und eh man sich’s versieht, driftet sie völlig ab in die große weite Welt der Rhythmik. Das Übungsschlagzeug sei schon besser als ihr E-Drum zu Hause. Aber zukünftig werde das auch nicht reichen, sagt sie.

„Weil ich gerne einmal hier herumspiele, verstehst Du?“, fragt sie und trommelt einmal quer über die Hängetoms, schlägt ein Becken an, ein zweites auch noch und dann zweimal ins Leere. „Da fehlt mir ein Crash-Becken. Mindestens!“ Außerdem habe ihr Lehrer Christian noch so kleine Becken, „Cymbals oder so, die so einen tollen Klang haben“, schwärmt sie und versucht den Klang nachzuahmen.

Will bald so gut spielen können, dass sie auch in einer band trommeln darf: Veronika Diering. © Sebastian Balint © Sebastian Balint

Migration war ein Geschenk

Veronika Diering wurde 1986 in Polen geboren. Kurz nach der Wende 1989 „haben wir uns rübergemacht“, erinnert sie sich. Rückblickend sei die Migration ein großes Geschenk gewesen, „gab sie mir doch die Möglichkeit, Dinge anders als meine Eltern zu machen“, sagt sie. Anfangs lebte Veronika Diering mit Vater, Mutter, zwei Brüdern und ihrer Schwester in Notunterkünften und Notwohnungen, bevor es dann nach Witten ging. Keine große Wohnung, aber immerhin.

Als Kind spielte sie Blockflöte, „wie fast jedes Kind“, sagt sie. Doch die Blockflöte sei nicht wirklich ein Instrument, mit dem man auf einer Bühne als Teil einer Rockband so richtig Gas geben könnte. Als Schlagzeugerin jedoch, da befinde man sich im Hintergrund auf der Bühne und könne nahezu unbeobachtet, „mal so richtig ausrasten“, erzählt sie lachend. Doch zu Hause bei der Familie war an Schlagzeugunterricht nicht zu denken. „Es wäre zu laut und vor allem zu teuer gewesen“, bedauert sie.

Der Liebe wegen nach Datteln

Veronika schließt ihr Abitur ab, geht studieren, heiratet, wird Mutter, geht arbeiten. Immer wieder habe sie darüber nachgedacht, endlich ihrem Traum vom Schlagzeugspielen nachzugehen. Doch, „ich habe diesen Wunsch immer vor mir hergeschoben“, erklärt sie. „Es gab Momente, da dachte ich, ich sei zu alt dafür.“ Das änderte sich, als sie vor einigen Wochen auf der Facebook-Seite eines Bekannten auf ein Video des Dattelner Musikers Christian Wagner stieß.

Der hatte ein Cover des a-ha-Hits „The sun always shines on TV“ ins Netz gestellt. „Ich wusste, dass er auch Schlagzeugunterricht gibt“, erinnert sich die 34-Jährige. Und dann habe sie allen Mut zusammengenommen und Wagner angeschrieben, „in der Hoffnung, dass er mir absagt. Damit ich wieder eine Ausrede habe, es nicht zu machen“, gibt sie offen zu. Doch Wagner sagte zu.

34-Jährige steckt voller Tatendrang

Seither unterrichtet der Multiinstrumentalist die 34-Jährige im wöchentlichen Rhythmus. „Christian muss mich manchmal ausbremsen“, gibt Diering zu. Sie stecke so voller Tatendrang, dass sie jede sich bietende Möglichkeit nutzt, um zu üben. Ohne die Einschränkungen der Corona-Pandemie sei es vermutlich bei dem Traum vom Trommeln geblieben, sagt sie, setzt Kopfhörer auf und trommelt zu einem Song ihrer Lieblingsband Deftones.

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