Mit der Kraft der Musik

Wenn Klavier-Fingerübungen auf der Bettdecke zu einem Konzert werden

Gerda Kerger hat sich nach schwerer Krankheit zurück ins Leben gekämpft. Geholfen hat der 84-Jährigen dabei die Musik, speziell das Klavierspielen. Jetzt gab sie sogar ein Konzert.
Gerda Kerger spielt seit ihrem sechsten Lebensjahr Klavier. © Sebastian Balint

Schon ihren Großeltern sei musikalische Bildung sehr wichtig gewesen, erinnert sich Gerda Kerger. Die 84-Jährige lebt heute im Seniorenheim Ludgerushaus in Datteln – und Musik ist ihr noch immer wichtig.

Ihre Mutter habe einst das Konservatorium besucht, und sie selbst bereits im Alter von sechs Jahren Klavierunterricht erhalten, erzählt die Seniorin, die einige Jahre sogar Violine im Schulorchester des Dattelner Comenius-Gymnasiums spielte. Das sei eine fantastische Zeit gewesen, sagt Gerda Kerger rückblickend, die sie sehr geprägt habe. Miteinander zu musizieren ziehe einen Lerneffekt nach sich, der sich auch auf sozialer Ebene auswirke. Denn ein Wohlklang werde nur dann erreicht, wenn jedes Mitglied eines Ensembles um seinen Platz wisse.

Gerda Kerger studiert unter anderem Kunst auf Lehramt. Später unterrichtet sie an Hauptschulen in Dorsten, Henrichenburg und Waltrop. Sie habe ihren Beruf immer mit viel Herzblut ausgeübt, sagt die 84-Jährige. Auch wenn das manchmal bedeutet habe, dass sie auch in Fächern aushelfen musste, die sie gar nicht studiert hatte. „Ich musste sogar eine Zeit lang Sport unterrichten“, berichtet sie lachend.

Beckenbruch verhindert Besuch der Kahlo-Ausstellung

Als Erwachsene lebt sie mit ihrer Familie lange Zeit in Essel, bevor es sie nach Henrichenburg zieht. Jetzt lebt sie im Ludgerushaus in Datteln. Die Kunst im Allgemeinen, vor allem aber die Musik, habe sie stets durch die Höhen und Tiefen ihres Lebens geführt, sagt sie. Früher, schwärmt sie, da habe sie sich nahezu in die Kunst gestürzt. „Egal welche Kunstrichtung“, sagt sie. Besonders gerne habe sie immer die Ausstellungen im Essener Folkwang-Museum besucht.

Fasziniert sei sie immer vom Werk der mexikanischen Malerin Frida Kahlo gewesen. Als sie von einer Ausstellung mit Werken Kahlos im vergangenen Jahr in Frankfurt erfuhr, habe sie sofort den Entschluss gefasst, sich diese Gelegenheit nicht entgehen zu lassen. „Und genau einen Tag vor der Fahrt nach Frankfurt bin ich unglücklich gestürzt“, seufzt Gerda Kerger. Bei diesem Sturz habe sie sich das Becken gebrochen. Die Frankfurt-Reise rückte damit erst mal in weite Ferne. Doch Gerda Kerger kämpft. Und mittels eines Gehwagens mit Achselstützen versucht sie so mobil wie nur möglich zu bleiben.

Monate später erleidet Gerda Kerger einen weiteren schweren gesundheitlichen Rückschlag. „Nur so viel“, sagt sie, „die Ärzte waren nicht allzu guter Dinge.“ Die pensionierte Lehrerin hat mit Lähmungen zu kämpfen. Doch auch diesmal ist Aufgeben keine Option. Sie lässt sich ihre Klaviernoten ans Bett bringen und fängt an, zu üben – auf ihrer Bettdecke.

„Na, die haben mich schon ein bisschen komisch angeschaut, als ich um meine Noten gebeten habe“, erinnert sie sich. Aber die 84-Jährige lässt sich nicht beirren. Sie weiß, dass das Musizieren sich positiv auf das Gehirn auswirken kann. Schließlich sei bekannt, dass zum Beispiel durch das Zusammenspiel der Hände beide Gehirnhälften miteinander verbunden werden. Und so liegt Gerda Kerger mit Notenblättern ihres Lieblingskomponisten Johann Sebastian Bach im Krankenbett und fängt an, die Finger den Noten entsprechend auf ihrer Bettdecke zu bewegen.

Mit kleinen Fortschritten zum Erfolg

Die Bettdecke habe natürlich keine Töne hervorgebracht, sagt sie lachend. Aber in ihrem Kopf habe sie die Musik sehr wohl gehört. Anfangs sei jede Fingerbewegung unglaublich anstrengend gewesen, beschreibt sie die kleinen, mühsamen Fortschritte, die sie machte. Auch bei ihren Trockenübungen habe sie neu angesetzt, wenn sie einen falschen „Ton“ auf ihrer Bettdecke gespielt habe. „Ich habe genau so geübt, wie ich es am Klavier machen würde“, erklärt sie. Und siehe da: Ihre Eigentherapie zeigt Wirkung. Nach und nach werden ihre Finger beweglicher, der Spielfluss wird besser. Natürlich hätten sich auch die verschiedenen Therapien positiv auf ihren Zustand ausgewirkt, sagt Gerda Kerger. Aber die Musik habe ihr zusätzlich Hoffnung gegeben.

Der pensionierten Lehrerin gelingt es tatsächlich, wieder auf die Beine zu kommen. Gut, einen Rollator brauche sie schon, manchmal auch einen Rollstuhl. „Aber ich kann wieder richtig Klavier spielen. Und das ist doch was.“ Gerda Kerger beschließt, auch die anderen Bewohner im Ludgerushaus an ihrem Glück teilhaben zu lassen und spielt in der Folge mehrere kleine Konzerte im Haus, unter anderem zu Weihnachten. Das sei sehr gut bei den Bewohnern angekommen, bestätigt Michelle Faßbender, die für die Öffentlichkeitsarbeit im Ludgerushaus zuständig ist.

Zweistündiges Solo-Klavierkonzert

Jetzt gab Gerda Kerger ein gut zweistündiges Solo-Klavierkonzert im Ludgerushaus. Über 50 Besucher folgten der Einladung. Und es sollte eine hochemotionale Veranstaltung werden. „Ich habe extra etwas leichtere Kost ausgesucht“, sagt Gerda Kerger. „Gerade in dieser Zeit wollte ich Stücke spielen, die den Menschen Freude bringen.“ Doch was die 84-Jährige vor ihrem Auftritt nicht ahnt: Stücke wie „Für Elise“ von Ludwig van Beethoven sorgen für tränenreiche Momente bei den Bewohnern des Ludgerushauses. Viele Menschen würden sich bei bestimmten Stücken an emotional aufgeladene Lebensabschnitte erinnern, erklärt Michelle Faßbender. Am Ende seien aber alle Konzertbesucher „beseelt“ gewesen und hätte um eine Zugabe gebeten, freut sich Gerda Kerger. Zur Adventszeit will sie ein weiteres Konzert geben. Und da darf ihr Lieblingskomponist nicht fehlen, denn „wenn ich eine Fuge von Bach spiele, dann ist es so, als könnte ich mit der Musik eine Kathedrale bauen“, sagt sie.

Letzter Wunsch

Gerda Kerger sagt, dass sie ein gutes Leben gehabt habe. Entsprechend bescheiden ist ihr letzter großer Lebenswunsch. „Ich möchte noch einmal ans Meer“, sagt die 84-Jährige. „Am liebsten an den Strand in Sizilien. Dort möchte ich einfach sitzen, dem Meeresrauschen lauschen, hören, wie die Wellen am Strand aufschlagen und wie sich die lebensfrohen Italiener um mich herum unterhalten. Himmlisch.“

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