Kreis-Expertin zum Infektionsgeschehen

Armut lässt die Menschen in Herten öfter an Covid erkranken

Ungeklärt ist die Frage, warum die Corona-Inzidenz in Herten meist deutlich höher als in anderen Städten ist. Soziale Faktoren spielen eine Rolle: Wer arm ist, ist anscheinend gefährdeter.
Die Hertener Innenstadt am Mittwoch, 16. Juni, um 13.30 Uhr. Die Stadt hat erwogen den geplanten Innenstadt-Standort des Kommunalen Ordnungsdiensts im Ladenlokal an der Ewaldstraße 4 unterzubringen, das hinten zu sehen ist. © Carola Wagner

Das Phänomen der überdurchschnittlich vielen Corona-Infektionen, von denen die Bürgerschaft der Stadt Herten betroffen ist, beschäftigt die Menschen und macht vielen Angst. Der Druck auf die Stadtverwaltung und vor allem auf Bürgermeister Matthias Müller vonseiten der Bevölkerung wächst: Es müssen Lösungen her, damit Herten die unrühmliche Spitzenposition beim Infektionsgeschehen nicht behält oder gar weiter ausbaut.

Vor diesem Hintergrund hat die Stadt Herten unter dem Label „Gemeinsam stark gegen Corona“ ein Maßnahmenpaket geschnürt, das insbesondere auf Information und Überzeugungsarbeit bei jenen Teilen der Bevölkerung setzt, die am Rande der Stadtgesellschaft bzw. in isolierten Gruppen leben.

Ursachen auf den Grund gehen

Doch ist es mit Flyern, Internetseiten und kostenlose Schutzmasken überhaupt getan? Um das zu beurteilen, muss man die Ursachen des Infektionsgeschehens kennen. Denen ging Dr. Sabine Wadenpohl im Ausschuss für Sicherheit, Ordnungswesen und Feuerschutz auf den Grund. Der tagte Dienstagabend (15. Juni) in Form einer Zoom-Sitzung im Internet. Dr. Wadenpohl ist für den Kreis Recklinghausen als Berichterstatterin in Sachen Gesundheit, Bildung und Erziehung tätig.

Die Expertin sprach von einer deutlichen Entspannung der Situation, mahnte jedoch: „Corona ist nicht weg.“ Beim Blick auf die höheren Sieben-Tage-Inzidenzen in Herten gab sie zu bedenken, dass die absoluten Zahlen, die dahinter stehen, den Wert relativieren. So lag dieser etwa am Dienstag (15. Juni) bei 40,4 und war kreisweiter Spitzenwert. Erkrankt waren aber „nur“ 50 Personen.

Große Familien in kleinen Wohnungen sind gefährdet

Gefährdet seien in erster Linie Menschen, die wirtschaftlich schlechter gestellt sind. Und von denen gibt es in Herten bekanntlich viele. Wenn große Familien in kleinen Wohnungen leben und sich auch bei der Arbeit nicht isolieren können, so ist die Ansteckungsgefahr groß – erst recht, seitdem hochinfektiöse Virusvarianten auf dem Vormarsch sind.

In Städten wie Haltern am See, wo die im Vergleich stets niedrigere Inzidenz seit Tagen bei 5,3 liegt, ist die Bevölkerung wohlhabender, verfügt über mehr Wohnraum und kann viel häufiger im Homeoffice arbeiten.

Arme Menschen sterben früher – auch an Covid_19

Zwar sind die Sterbefälle noch nicht hinlänglich analysiert. Im Armutsfaktor liegt jedoch wohl auch begründet, warum in Herten im Durchschnitt mehr Menschen an Covid-19 sterben, als Erkrankte in wohlhabenderen Städten. Arme Menschen sind kranker und sterben früher, und so macht Corona deutlich, was schon vor der Pandemie so war: Herten hat durch seine Sozialstruktur eine höhere Mortalität.

Ein Schwerpunkt, beispielsweise ein Hochhaus, lässt sich in Herten übrigens nicht ausmachen. Die Infektionen sind laut Dr. Sabine Wadenpohl übers Stadtgebiet verstreut, nur manche Straßenzüge (Abschnitte der Ewald- und der Bahnhofstraße) seien stärker betroffen.

Treffen im Freien mit Abstand sind nicht das Problem

Dass Infektionen vorwiegend in Familien weitergegeben werden, kann CDU-Ratsherr Bernhard Felling nicht so recht glauben. Er vermutet hohe Dunkelziffern durch unerlaubte Treffen und Feiern. So habe er eine türkische Hochzeitsgesellschaft von 50 bis 75 Personen beobachtet. „Alle ohne Masken! So was bereitet mir Sorge, da muss man frühzeitig eingreifen“, sagte er mit Blick auf Präsenz des Kommunalen Ordnungsdienstes (KOD).

Dr. Wadenpohl erklärte, dass in geschlossenen Räumen deutlich mehr Infektionsrisiken lauern. „Treffen im Freien mit ausreichend Abstand sind nicht das Problem.“ Sie betonte allerdings nachdrücklich: „Die Abstandspflicht ist nicht aufgehoben!“

Enttäuschen musste sie Bürgermeister Müller, der gern gewusst hätte, wie viele Menschen in Herten bereits geimpft sind. An die Impfquote sei nicht ranzukommen – erst recht nicht, seitdem auch die Ärzte impfen.

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