Ruhrfestspiele

„Ein Algorithmus hat nichts zu erzählen“

Bestseller-Autor Daniel Kehlmann fasziniert bei den Ruhrfestspielen im Gespräch mit Denis Scheck. Er spricht über Pandemie-Erfahrungen, Arbeit und eine Künstliche Intelligenz als Kollegin.
Der Autor Daniel Kehlmann (Archiv). © picture alliance/dpa

Wie schön, dass die „guten Feen“ der Ruhrfestspiele, wie Denis Scheck den Intendanten Olaf Kröck und den Chef-Dramaturgen Jan Hein nennt, ihm als Kritiker und Moderator auch diesen Wunsch erfüllen konnten: Daniel Kehlmann war der Einladung gern gefolgt, sprach über seine Pandemie-Erfahrungen in New York und Berlin, seine Arbeit und eine Künstliche Intelligenz als Kollegin. Er las das erste Kapitel aus „Tyll“, und reflektierte die Wichtigkeit von Literatur und Autoren. Ein spannender und entspannter, literarisch genussvoller, kluger, rückblickender wie zukunftsweisender Abend.

Die gleichen Lockdown-Probleme wie das Publikum

„Natürlich ist es für einen Schriftsteller normal, im Homeoffice zu arbeiten – es wird nur schwierig, wenn das Kind dann nicht zu ‚seiner Arbeit‘, also in die Schule, geht“, ließ Daniel Kehlmann das Publikum wissen, dass er die gleichen Probleme im Lockdown hatte wie viele der Menschen auf der Tribüne. „Ich habe meinen Sohn aber glauben lassen, dass ich wahnsinnig langweilige Arbeit mache und dann hat er mich in Ruhe gelassen.“

Den Anfang der Pandemie noch in New York erlebt

Die Früchte dieser Arbeit hält sicherlich niemand im Stadion Hohenhorst für langweilig. Deswegen und vielleicht auch, weil er am frühen Nachmittag am liebsten schreibe, habe der Lockdown dann keine ganz krasse kreative Pause verursacht, obgleich es oft eine „lähmende, tote und traurige Zeit“ gewesen sei.

Daniel Kehlmann – „Die Vermessung der Welt“ ist einer der erfolgreichsten deutschen Nachkriegsromane, und auch „Tyll“ fand sich monatelang auf den Bestseller-Listen – hat den Anfang der Pandemie noch in New York erlebt, zog dann aber mit der Familie nach Berlin um. „Unser Sohn sollte kein kleiner – oder großer – Amerikaner werden und auch fehlerfrei Deutsch sprechen und schreiben lernen.“

Fauxpas in Eltern-Zoom-Konferenzen

Im Gespräch mit Denis Scheck erzählte Kehlmann von der Wichtigkeit des gemeinsamen Essens in Restaurants als zentralem Teil des gesellschaftlichen Lebens, von einem Fauxpas in Eltern-Zoom-Konferenzen noch in den USA („Die wollten nicht hören, dass andere Pandemien tödlicher sind – ich habe die Leute in ihrer Angst beleidigt.“) und von den ganz anderen Aufgaben als Drehbuchautor. „Ich liebe es, Dialoge zu schreiben, und zu sehen, wenn Schauspieler spielen, was ich geschrieben habe, und die Texte dadurch besser werden.“ Eine Zusammenarbeit mit Daniel Brühl („Nebenan“) habe ihm sehr viel bedeutet – „bedauerlicherweise wussten wir aber schon vor Beginn der Berlinale, dass wir keine Preise gewonnen haben werden“.

Arbeit mit Detlev Buck an einer Neuverfilmung

Aber auch nach der Arbeit mit Detlev Buck an einer Neuverfilmung von Thomas Manns „Bekenntnisse des Hochstaplers Felix Krull“ sei eine Rückkehr zur Prosa wunderbar gewesen: „Während einem ein Produzent sagen kann: ‚Vergiss die Szene in einem vollbesetzten Zirkuszelt für eine halbe Minute, das kostet eine Million‘, kann ich in einem Roman alles schreiben und passieren lassen. Und jeden Zirkus erfinden, den ich will.“

Apropos erfinden – sein Anbandeln mit einer Künstlichen Intelligenz namens „Control“ als Versuch, in Kooperation mit einem Algorithmus einen Text zu schreiben war spannend, „muss aber letztlich als gescheitert“ gesehen werden. „Es war verblüffend gut, was der Algorithmus schreiben konnte. Aber zu erzählen hatte er nichts.“

Schriftsteller als Seismographen der Gesellschaft?

So bald werde Literatur also nicht künstlich entstehen – wie beruhigend. Ob Schriftsteller Seismographen der Gesellschaft seien, wollte Denis Scheck noch wissen. Daniel Kehlmann: „Ich selbst fühle mich beim Schreiben nicht so, aber das kann schon sein.“

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