Getränke

Ein Trend dieses Sommers

Alkoholfreies Bier wird immer beliebter. Der Recklinghäuser Diplom-Biersommelier Matthias Kliemt erklärt, worauf der Verbraucher achten sollte – und warum für ihn der Alkohol trotzdem ins Bier gehört wie die gute Butter ins Essen.
Alkoholfreies Bier lässt sich auf zwei unterschiedlichen Wegen herstellen: Matthias Kliemt, Diplom-Biersommelier aus Recklinghausen. © Dietmar Lorenz

Alkoholfreies Bier als Erfrischungsgetränk ist „in“. Die Nachrichtenagentur dpa erkennt hier mit Blick auf den Sommer 2021 gar einen „Megatrend“. „Da ist schon etwas dran“, sagt Diplom-Biersommelier Matthias Kliemt (54) aus Recklinghausen – und verweist auf die Absatzzahlen der Brauereien.

In der Tat ist der Marktanteil des einstigen „Autofahrerbiers“ seit 2010 von 4,9 auf rund sieben Prozent gestiegen. Zehn Prozent hält der Deutsche Brauerbund langfristig für möglich. In der Corona-Krise hat sich das ehemalige Nischenprodukt deutlich besser gehalten als herkömmliche Biere.

Es stehen mehr als 700 Marken zur Auswahl

Matthias Kliemt sieht für diese Entwicklung zwei Gründe. Zum einen habe sich das Absenken der Promillegrenze im Straßenverkehr im Jahre 2001 entsprechend ausgewirkt. Zum anderen sei die Qualität des alkoholfreien Bieres viel besser, das Angebot erheblich größer geworden. So gab es vor gut 40 Jahren in West-Deutschland nur „Clausthaler“ – während der Verbraucher heute unter mehr als 700 alkoholfreien Marken auswählen kann. Mit denen er dann häufig auch Begriffe wie Fitness und Wellness assoziiert.

Aber: Schmeckt alkoholfreies auch genauso gut wie „normales“ Bier?

Matthias Kliemt ist 3-Sterne-Biersommelier, Diplom-Biersommelier und westfälischer Bierbotschafter. Er muss es wissen – und sagt: „Alkohol ist ein Geschmacksträger und -verstärker. Für mich gehört er ins Bier wie gute Butter ins Essen.“

Zwei unterschiedliche Herstellungswege

Trotzdem trinkt der Recklinghäuser auch ab und zu selbst mal ein Alkoholfreies: „Zum Beispiel wenn ich mit meiner Tochter unterwegs bin.“ Aber dann achtet er auf ein bestimmtes Detail.

Alkoholfreies Bier lässt sich nämlich auf zwei unterschiedlichen Wegen herstellen: Entweder wird das Ethanol nachträglich entfernt – oder der Gärprozess vorzeitig gestoppt. Und das Ergebnis ist aus Kliemts Sicht unterschiedlich gut.

Vereinfacht gesprochen wird bei der Bier-Produktion Wasser mit Malz vermischt, wodurch sich der Malz-Zucker löst. Dann kommt Hopfen dazu, am Ende noch Hefe. „Die Hefe ‚frisst‘ den Malz-Zucker und wandelt ihn in Alkohol und Kohlensäure um“, erläutert Kliemt. Über die Steuerung der Temperatur könne man aber dafür sorgen, dass die Hefe ihre Arbeit einstellt – und die Gärung gestoppt wird: „In diesem alkoholfreien Bier bleibt dann jedoch eine ganze Menge Rest-Zucker zurück. Es schmeckt malzig-süß und hat auch vergleichsweise viele Kalorien.“ Sein Fall ist es nicht.

Wenn der Obstsalat leicht zu prickeln beginnt

Kliemt, der vor zwei Jahren mit 14 Freunden in Hochlarmark den Verein „Vest-Bier-Brauer“ gegründet hat, bevorzugt es, wenn dem im Prinzip ganz normal gebrauten Bier der Alkohol im Nachhinein entzogen wird. „Das ist aufwendiger und daher auch teurer. Aber es hat eher den klassischen Biergeschmack.“

Sein Favorit ist übrigens das alkoholfreie India Pale Ale „überNormalNull (ü.NN)“ von der Kehrwieder-Kreativbrauerei in Hamburg. „Das ist ein richtiges Craft-Bier, ein alkoholfreies Bier mit Limo-Charakter, das mit verschiedenen Aromahopfensorten hergestellt wird.“

Bier-Bauch gibt es nicht

Mit alkoholfreiem Bier bringen viele Verbraucher Fitness und Wellness in Verbindung. „Dabei gehört auch das ganz normale Bier nach Wasser und Tee zu den Getränken mit den wenigsten Kalorien“, sagt Diplom-Biersommelier Matthias Kliemt. Den sprichwörtlichen Bier-Bauch gebe es gar nicht. „Der entsteht eher dadurch, dass Alkohol appetitanregend ist. Wenn ich früher nachts von einer Feier nach Hause gekommen bin, habe ich mir auch gerne erst mal ein Spiegelei gemacht.“

Wobei man über den Begriff „alkoholfrei“ auch noch mal kurz nachdenken sollte. „Denn ein ‚alkoholfreies‘ Bier darf immer noch einen Alkoholgehalt von bis zu 0,5 Prozent haben“, sagt der Experte. Und selbst eine 0,0 auf dem Etikett heißt eigentlich: bis zu 0,05 Prozent. „Aber in kleinen Mengen steckt Alkohol ja auch in ganz anderen Lebensmitteln, etwa in Joghurt oder Apfelsaft“, erläutert Kliemt. Und wer beispielsweise einen Obstsalat einen halben Tag lang auf der sonnenverwöhnten Terrasse stehen lasse, so fügt er lächelnd hinzu, „wird ebenfalls merken, dass dieser leicht zu prickeln beginnt“.

Klingt spannend – aber wohl nicht unbedingt nach dem nächsten „Megatrend“ für diesen Sommer.

Bierseminare und Braukurse

Der Recklinghäuser Matthias Kliemt berät Brauereien, doziert am Bildungszentrum des Handels oder an Industrie- und Handelskammern und bildet Personal in der Gastronomie und in Getränkefachmärkten aus. Zudem veranstaltet er Bierseminare, Biermenüs, Braukurse, Bierkochkurse oder Grillevents. Vieles davon fand in den vergangenen Monaten wegen der Corona-Pandemie digital statt. „Aber jetzt beginnen auch die Präsenzveranstaltungen wieder“, sagt er. „Es geht endlich wieder los.“

Infos und Kontakt: https://www.biersommelier-nrw.de

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