Gewässerschutz

Ein zehnmillionstel Gramm ist das Limit

Die Anforderungen an das Trinkwasser sind hoch. Pflanzenschutzmittel haben jedoch jahrelang das Rohwasser im Halterner Stausee belastet. Eine Kooperation mit den Bauern trägt mittlerweile Früchte.
Ein Landwirt sprüht mit einem Traktor Pflanzenschutzmittel auf ein Feld. Mittlerweile gelangt viel weniger davon in die Zuflüsse des Halterner Stausees. © picture alliance / Henning Kaiser/dpa

Das Trinkwasser, das aus den häuslichen Zapfstellen sprudelt, ist rein und ohne Bedenken genießbar. Für die Bürger eine Selbstverständlichkeit. Den Aufwand, den die Gelsenwasser AG betreibt, um diese Qualität sicherzustellen, sehen sie in der Regel jedoch nicht. Werden Pflanzenschutzmittel in Stever und Mühlenbach nachgewiesen, muss der größte Wasserversorger der Region in seinem Wasserwerk in Haltern immer wieder etliche Tonnen Aktivkohle einsetzen, um diese schädlichen Stoffe aus dem Rohwasser herauszufiltern. Aber die Lage im Einzugsgebiet der Halterner Stevertalsperren habe sich deutlich gebessert, betont Ulrich Peterwitz, Leiter Wasserwirtschaft des Gelsenkirchener Unternehmens.

Ein Zuflusssystem vergleichbar mit Herzkranzgefäßen

Eine Million Haushalte werden aus Haltern mit Trinkwasser versorgt. Um das Zuflusssystem der Talsperren in Haltern und Hullern zu beschreiben, nutzt der Diplom-Geologe das Bild von Herzkranzgefäßen: Eine Vielzahl von kleinen Wasserläufen in den Kreisen Coesfeld und Recklinghausen vereinigt sich, fließt weiter in Stever und Mühlenbach, die schließlich die Talsperren speisen – mit durchschnittlich 240 Millionen Kubikmeter im Jahr.

Dass das ganze Nass aus Landstrichen kommt, die intensiv landwirtschaftlich genutzt werden, ist für die Trinkwassergewinnung ein dauerhaftes Thema. Denn durch Regen abgespülte Pflanzenbehandlungs- und Düngemittel gelangen mit den Niederschlägen in die Oberflächengewässer und landen am Ende im Stausee. „Die Interessen der Landwirte, die auf ihren Flächen gute Erträge erzielen wollen, und die der Wasserwirtschaft treffen hier direkt aufeinander“, sagt Ulrich Peterwitz.

Doch Bauern und Wasserwerker arbeiten beim Schutz der Ressource Wasser schon lange zusammen. Vor 31 Jahren, als sich das gegenseitige Verständnis noch sehr in Grenzen hielt, haben sie sich zusammengerauft und sind eine Kooperation eingegangen, die tatsächlich Erfolge bei der Gewässerreinhaltung bewirkt hat.

1200 Tonnen Aktivkohle gegen Atrazin eingesetzt

Das Herbizid Atrazin, das vor Gründung der Kooperation in nicht tolerierbarer Konzentration im Halterner Stausee nachgewiesen wurde, sorgte damals für Handlungsdruck. 1200 Tonnen Aktivkohlepulver musste Gelsenwasser allein im Jahr 1990 einsetzen, um das Atrazin zu binden, damit es nicht mit dem Wasser in die Versickerungsbecken am Halterner Wasserwerk floss. Für das Unternehmen zudem ein erheblicher Kostenfaktor. Zwischen 1500 und 3000 Euro müsse Gelsenwasser für eine Tonne Aktivkohle bezahlen, sagt Peterwitz. Mittlerweile habe der Verbrauch teilweise auf unter 100 Tonnen oder bis auf Null im Jahr reduziert werden können. Die Dosierung muss so erfolgen, dass später im Trinkwasser höchstens ein zehnmillionstel Gramm (0,1 Mikrogramm) von Stoffspuren je Liter nachweisbar ist. Dieser Grenzwert ist gesetzlich festgelegt.

Das Wasserwerk in Haltern versorgt eine Million Haushalte mit Trinkwasser. © Ruediger Schlesselmann © Ruediger Schlesselmann

Der Einsatz von Atrazin ist vom Gesetzgeber bereits 1990 verboten worden. Dafür werden andere Mittel auf den Äckern eingesetzt, von denen einige in den Folgejahren ebenfalls für Probleme gesorgt haben. Sie heißen etwa Bentazon, Nicosulfuron oder Dimethenamid.

Fördergeld für ökologischen Landbau wird nicht abgerufen

Im Rahmen der Kooperation finanzieren die vier beteiligten Versorgungsunternehmen Gelsenwasser, Stadtwerke Coesfeld und Dülmen sowie Gemeindewerke Nottuln vier Berater, die bei der Kreisstelle Coesfeld/Recklinghausen der Landwirtschaftskammer angestellt sind und den Bauern bei der Frage, wie man gewässerverträgliche Landwirtschaft betreiben kann, mit Rat zur Seite stehen. Aber auch finanziell bringen sich die Wasserwerke ein, gleichen Mehrkosten für teurere Spritzmittel-Alternativen aus, fördern technische Umrüstungen oder organisieren die Rücknahme und Entsorgung unbrauchbar gewordener Pflanzenschutzmittel.

Für die Umstellung auf den ökologischen Landbau im Wasserschutzgebiet werden ebenfalls seit 2018 Fördergelder angeboten. „Davon ist leider noch kein Gebrauch gemacht worden“, bedauert der Gelsenwasser-Manager. Dabei werde mit 780 Euro je Hektar für Ackerland mehr als das Doppelte von dem zur Verfügung gestellt, was es zum Beispiel in Bayern als Förderung gebe. „Wir würden uns freuen, wenn wenigstens eine Handvoll Landwirte mitmachen würde“, meint Peterwitz.

Gelsenwasser investiert jährlich 900.000 Euro in die Kooperation

1400 Euro je Hektar erhalten Bauern als Zuschuss, wenn sie sich auf Gewässerschutzstreifen einlassen und die an Bach- und Flussläufen angrenzenden Bereiche nicht bewirtschaften. 35 Hektar Anbaufläche fallen in diese Kategorie. Auch diese Zahl sei noch steigerungsfähig, glaubt Ulrich Peterwitz.

Insgesamt 900.000 Euro investiert allein Gelsenwasser jährlich in die Kooperation Landwirtschaft/Wasserwirtschaft im Einzugsgebiet der Talsperren Haltern und Hullern. 780 Landwirte in den Kreisen Coesfeld und Recklinghausen haben sich dieser Zusammenarbeit verschrieben. Sie decken 64 Prozent der landwirtschaftlich genutzten Fläche ab. Aus der Sicht von Gelsenwasser ist die Kooperation zwar ein Erfolg, aber auch 31 Jahre nach ihrer Gründung noch ausbaufähig. Das Ziel sei es, weitere Bauern für die Sache zu gewinnen und den Anteil der von der Kooperation abgedeckten Ackerflächen zu steigern.

Halterner Landwirt leitet die Kooperation

  • Der Halterner Landwirt Georg Schulte-Althoff, zugleich Kreislandwirt Recklinghausen, ist neuer Vorsitzender der Wasserkooperation von Landwirten und Wasserwirtschaft im Einzugsbereich der Stevertalsperren. Er tritt die Nachfolge von Anton Holz (Seppenrade) an. „Wasser ist für jeden ein wichtiges Thema“, betont Schulte-Althoff.
  • Schulte-Althoff ist seit 25 Jahren Mitglied der Kooperation. Er sagt, in der Zusammenarbeit zwischen den Wasserversorgern und den Landwirten könnten „gute Erfolge“ verzeichnet werden. So liege der Nitratwert bei allen Trinkwassergewinnungsanlagen unter 14 mg/l und damit deutlich unter dem Grenzwert von 50 mg/l. Auch die Einträge von Pflanzenschutzmitteln seien deutlich zurückgegangen.
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