Abitur

Kreis Recklinghausen: Mathe-Klausuren zu schwierig oder angemessen?

Wieder einmal werden die Mathematik-Aufgabenstellungen kritisiert: Viele Schüler protestieren heftig, Fach-Lehrer aus dem Kreis Recklinghausen äußern sich durchaus unterschiedlich.
Mit weitem „Corona-Abstand“ sitzen Schüler bei ihrer Abitur-Klausur. © dpa

Insgesamt etwa 19000 Unterstützer gab es am gestrigen Dienstag, 11. Mai, für die beiden Internet-Petitionen, mit denen vor allem Schüler gegen die aktuellen Mathematik-Abiturklausuren in NRW protestieren. „Unfair“, „unverschämt schwer“, „ungerecht gestellt“ – so lauten die Vorwürfe in den Petitionen. Auch Paul Wagner (Name von der Redaktion geändert) hat hier unterschrieben. Der Abiturient am Marler Gymnasium im Loekamp fand seine Abi-Klausur im Grundkurs „äußerst schwierig: Die Aufgabenstellung war sehr kompliziert, die Klausur war länger als alle Probe-Klausuren, die wir vorher im Unterricht oder zu Hause geschrieben haben.“

Für viele Schüler war die Zeit knapp

Mathematik-Lehrer aus dem Kreis Recklinghausen beurteilen die diesjährigen Mathematik-Aufgabenstellungen unterschiedlich. Christian Huhn sieht hier zwei Probleme: Zum einen sei eine der Aufgabenstellungen sehr schwierig gewesen. „Diese Aufgabe haben unsere Lehrer bei ihrer Vorauswahl dann sofort herausgelassen. Und dadurch war die in diesem Jahr vorgesehene größere Themenauswahl faktisch nicht mehr gegeben“, kritisiert der Leiter des Willy-Brandt-Gymnasiums in Oer-Erkenschwick. „Zum anderen hatten an unserer Schule auch viele sehr gute Schüler Probleme mit der Klausurzeit. Das ist zumindest ein Indiz dafür, dass die Aufgaben zu umfangreich waren.“

Auch Dorothee Schlüter, Leiterin des Albert-Schweitzer-Geschwister-Scholl-Gymnasium in Marl, wurde von mehreren Mathematik-Kollegen von einem schwer zu verstehenden Aufgabenformat berichtet. „Grundsätzlich habe ich den Eindruck, dass die Mathematik-Klausuren keineswegs die Leichtesten waren.“

„Die Schüler hatten eine faire Chance“

„Es wurde hier inhaltlich nichts aufgeweicht“, bestätigt Michael Rembiak. „Aber die Klausuren waren auch nicht besonders schwierig. Ich war vom Inhalt und Volumen nicht überrascht – das war so zu erwarten“, meint der Mathematiker, der auch in den letzten Jahren bereits aktiv als Lehrer im Mathe-Abitur dabei war. Der Leiter des Gymnasium Petrinum in Recklinghausen bezeichnet eine der Aufgabenstellungen zwar als „umstritten“, konnte aber dennoch eine „gute Auswahl für die Schüler treffen. Sie hatten eine faire Chance.“ Zudem betont Michael Rembiak, dass hier eine allgemeine Hochschulreife nach den Vorgaben der Kultusministerkonferenz abgelegt werde, mit einer Vergleichbarkeit zu anderen Jahrgängen: „Insofern war das kein ,Corona-Abitur‘, sondern eine echte Abiturprüfung.“

„Wir sind sehr stark benachteiligt worden“

In den Schüler-Petitionen wird das anders gesehen. Hier heißt es unter anderem: „Wir sind sehr stark benachteiligt worden und sind ganzheitlich der Meinung, dass die vorherigen Abiturklausuren im Fach Mathematik um einiges einfacher waren.“ Und dort werden Konsequenzen gefordert, die Paul Wagner unterstützt: „Ich hoffe, dass die Mathematik-Klausur wiederholt wird oder eine andere, geringere Gewichtung bei der Abitur-Note erhält.“ Der damit verbundene Numerus clausus ist für viele der Abiturienten wichtig, so auch für Paul Wagner: „Ich möchte Wirtschaftsingenieurwesen studieren – da kann der Abitur-Schnitt schon wichtig für einen Studienplatz sein.“

Schülervertretung

„Wahlrecht bei der Benotung“

Die Vertretung der Schülerinnen und Schüler (LSV) in Nordrhein-Westfalen hat ein coronabedingtes Wahlrecht bei der Benotung der Abschlussprüfungen gefordert. Die Schülerinnen und Schüler müssten wählen dürfen, ob die Prüfungsergebnisse gewertet werden oder die Durchschnittsnoten aus den vorher erbrachten Leistungen vergeben werden, verlangte die LSV jetzt. Zudem müssten die Bewertungsgrundlagen der Klausuren an die Lernlücken angepasst werden, hieß es – auch nach der heftigen Kritik an den Mathematik-Aufgaben im Abitur.

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