Corona

„Manche trauen dem Braten lieber nicht“

Bei sinkender Inzidenz und Corona-Lockerungen suchen viele Menschen Gemeinschaftserlebnisse, andere ziehen sich weiterhin zurück. Ein Recklinghäuser Psychologe erklärt die Gründe.
In Kneipen und Restaurants wird das gesellige Beisammensein gesucht. © dpa

Gemeinsam feiern, Kontakte haben, Geselligkeit erleben: Nach Phasen mit strikten Corona-Einschränkungen gibt es zurzeit aufgrund der sinkenden Inzidenz immer mehr Lockerungen. Doch die möglichen Freiheiten werden nicht von allen genutzt, wie der Recklinghäuser Diplom-Psychologe Jan Schlegtendal erklärt.

„Kontakte machen das Leben lebenswert“

„Viele Menschen wollen unbedingt wieder raus, um sich mit anderen zu treffen, zu reden, zusammen etwas zu unternehmen – und das ist mehr als verständlich“, sagt Jan Schlegtendal. Denn das Nachholbedürfnis ist nach langen Corona-Zeiten der Isolation groß, wie der Psychologe erläutert: „Der Mensch ist ein soziales Wesen. Kontakte sind ein menschliches Grundbedürfnis, sie machen das Leben lebenswert. Wir brauchen Austausch, Gruppen, Berührungen, gemeinsame Erlebnisse.“

Der Recklinghäuser Psychologe Jan Schlegtendal. © Privat © Privat

All das kam durch Corona zeitweise zu kurz: „Im Lockdown waren wir kommunikativ unterversorgt, wir sind aktuell eine chronisch unterkuschelte Gesellschaft. Und das entspricht nicht unserer Natur“, sagt Jan Schlegtendal. Für den 56-Jährigen steht fest: „Keine Kontakte zu haben – das ist virologisch sinnvoll, aber menschlich schädlich.“ So gebe es durch Corona auch eine höhere Wertschätzung von Dingen, die man vorher als selbstverständlich angesehen habe – Momente der Geselligkeit wie zum Beispiel den Besuch eines Biergartens oder das Treffen von Freunden.

„Man hat Angst, wieder enttäuscht zu werden“

Doch nicht jeder reagiert auf die verbesserte Corona-Lage mit der Suche nach Gemeinschaftserlebnissen, wie Jan Schlegtendal sagt: „Die Situation ist durchaus ambivalent. Manche trauen sich weiterhin kaum aus dem Haus, ziehen sich zurück.“ Diese Haltung sei aufgrund des Verlaufs der bisherigen Corona-Pandemie durchaus nachvollziehbar: „Nach der ersten Welle hieß es: Jetzt wird es besser. Doch dann kamen Rückschläge mit Gefahren und Einschränkungen. Und die dritte Welle war dann sogar heftiger als die erste. Diese Erfahrungen der Enttäuschung haben dazu geführt, dass man sich nicht auf die neue Besserung der Lage einlassen will. Man hat Angst, wieder enttäuscht zu werden, will das verhindern, sich davor schützen. Also trauen manche dem Braten lieber nicht.“

„Isolation macht auf Dauer krank“

Dieser Rückzug sei nicht gesund, betont Jan Schlegtendal. „Man verzichtet auf Kontakte, auf etwas Elementares, das wir brauchen. Isolation macht auf Dauer krank.“ Der Leiter von „Sensit“, einem psychologischen Fortbildungsinstitut mit integrierter Coaching-Praxis, ergänzt: „Der Weg führt zu Kontakten. Und die haben wir durch Corona lange nicht geübt. So müssen manche wiederentdecken, dass diese Nähe etwas Angenehmes ist – am besten in kleinen Schritten, Stück für Stück.“

Insgesamt warnt Jan Schlegtendal davor, den Einfluss von Corona auf die psychische Gesundheit zu unterschätzen: „Durch ihre konkrete Bedrohung verbunden mit der häufigen sozialen Isolation ist die Pandemie hier ein echter Gefährdungspunkt.“

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