Klavierfestival

So zart klingt der Titan Beethoven

Der Flame Jos van Immerseel nahm ein begeistertes Publikum beim Klavierfestival-Debüt in Schloss Herten mit auf eine spannende Zeitreise.
Beethoven-Klischees revidiert: der Flame Jos van Immerseel bei seinem Klavierfestival-Debüt in Schloss Herten. Foto: Sven Lorenz © Picasa

Beim dritten Anlauf hat es endlich geklappt. Sein spätes Debüt beim Klavierfestival Ruhr sollte Jos van Immerseel eigentlich im Juni letzten Jahres geben. Das vereitelte die Corona-Pandemie ebenso wie einen Nachholtermin im Herbst. Dass der 75-jährige Flame nun endlich in Schloss Herten auftrat, war ursprünglich nicht geplant. Der intime Saal des Wasserschlosses mit seinem restaurierten Deckenfresko erwies sich als idealer Ort für Immerseels spannende Zeitreise mit Beethoven ins Wien des späten 18. Jahrhunderts. Schon das Allegro der frühen G-Dur-Sonate op. 14/2 ließ die Atmosphäre adeliger Salons der Donau-Metropole erahnen, in denen der junge Beethoven nur zu gern zu Gast war.

Ein Sammler historischer Instrumente

Unter kundigen Interpreten eines historischen Klangbildes hat Jos van Immerseel als Pianist und Dirigent, als Klangforscher und Gründer des Ensembles Anima Eterna Brugge einen klingenden Namen. Hervorgetreten ist er aber auch als Sammler historischer Instrumente. Eines seiner Prachtexemplare brachte er ins Hertener Schloss mit: den reizvoll gemaserten, samtweich klingenden Nachbau eines Instrumentes von Johann Anton Walter, des bedeutendsten Pianoforte-Klavierbauers zu Beethovens Zeiten.

Wie geschaffen für silbrige Anklänge

Wer darauf Musik Beethovens aus jungen Wiener Jahren des frühen Erfolgs hört, wird sich fragen, ob das Klischee des heroischen Titanen nicht revidiert werden sollte. Dieses Instrument verfügt über kein Pedal, aber über die modernste Hämmerchen-Prellmechanik jener Blütezeit des Pianoforte. Mozart hat auf einem solchen Instrument gespielt und später sogar noch Schubert. Es kaschiert nichts, es verzeiht nicht die geringste Schwankung. Ohne Legato, stattdessen wie einzeln hingetupft klingt das in der G-Dur-Sonate mit ihren reizvollen Umspielungen. Dieses Instrument wirkt wie geschaffen für Arabesken, harfenähnliche Arpeggien und silbrige Anklänge, wie sie Beethoven liebte.

Die „Mondscheinsonate“ ganz entrückt

Immerseel versteht sich auf subtile Ausdrucksvariationen. Das zeigt nicht nur eine Gelegenheitsarbeit wie die „Fünf Variationen über Rule Britannia“ oder der so diskret gemeisterte Trauermarsch „Marcia funebre sulla morte d’un Eroe“ aus der frühen As-Dur-Sonate als Vorstufe zur „Eroica“. Das behende gespielte Rondo „Die Wut über den verlorenen Groschen“, sonst beliebte Zugabe, und die viersätzige Es-Dur-Sonate „Die Jagd“ mit einem atemlosen Wirbel im Presto-Finale unterstrichen Immerseels hochvirtuosen Zugriff. Heimlicher Höhepunkt dieses denkwürdigen Abends aber war der Kopfsatz der „Mondscheinsonate“. Wann hat man das je so zart, so entrückt vernommen?

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