Haustürgeschäft in Marl führt zur Anzeige bei der Polizei

Redakteur
Immer wieder versuchen Firmen mit unerwünschten Anrufen oder Hausbesuchen neue Kunden zu gewinnen. © dpa
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Ende April erhielt Sieglinde Zdunek überraschenden Besuch. Völlig unerwartet kam der allerdings nicht, denn die Rentnerin war kurz zuvor von ihrem Stromanbieter darauf hingewiesen worden, dass demnächst jemand den Zähler ablesen würde. An ihrer Haustür klingelte jedoch ein Mitarbeiter der Firma AK Conception. Dabei handelt es sich laut Angaben auf der Internetseite um ein unabhängiges Dienstleistungsunternehmen aus Selm. Weiter heißt es, die Firma vertrete erstklassige Unternehmen, deren Produkte den Endkunden Vorteile wie hohe Einsparungen und Zufriedenheit bringen sollen. Sieglinde Zdunek ließ den Mann herein.

Besuch endet mit Unterschrift

Am Ende eines längeren Beratungsgesprächs unterschrieb die 85-Jährige dann ein Schriftstück, mit dem sich der Besucher scheinbar zufrieden auf den Heimweg machte. „Leider habe ich mir das alles nicht genau durchgelesen“, blickt die Marlerin zurück. Wenige Tage später meldete sich eine Mitarbeiterin von den Hertener Stadtwerken bei Sieglinde Zdunek. Die Dame wollte wissen, ob das denn alles so richtig sei mit der Kündigung ihrer langjährigen Verträge.

Böse Überraschung

Die Seniorin fiel aus allen Wolken: „Als ich das hörte, war ich erstmal sprachlos.“ Ihre Verträge kündigen wollte sie nämlich keineswegs. Das hat Sieglinde Zdunek aber indirekt getan – durch ihre Unterschrift unter den Vertrag mit dem neuen Anbieter DEW 21. Dahinter verbirgt sich die Dortmunder Energie- und Wasserversorgung GmbH. Und für die sucht AK Conception offenbar neue Kunden.

Dabei hätte die Marlerin einen schlechten Schnitt gemacht. „Für Gas und Strom hätte ich 200 Euro mehr im Jahr bezahlen müssen.“ Nachgerechnet hatten die Beträge ihre erwachsenen Kinder. Sie machten das Geschäft dank des Widerrufsrechts dann auch umgehend rückgängig. „Zum Glück hat man dafür ja 14 Tage Zeit“, sagt Sieglinde Zdunek. Ihre Tochter ging sogar noch einen Schritt weiter und brachte den Fall bei der Polizei zur Anzeige. Sie sagt: „Es ist einfach nicht richtig, so mit älteren Menschen umzugehen.“

„Erhebliche Dynamik“

Wir fragen bei Sieglinde Zduneks Energieversorger nach, ob sich Fälle dieser Art in letzter Zeit häufen. „Wir spüren in dieser Hinsicht erhebliche Dynamiken auf dem Markt und erhalten auch verstärkt Beschwerden“, sagt Patrick Scheffner. Damit meint der Vertriebsleiter der Hertener Stadtwerke, dass derzeit durchaus einige Konkurrenten unterwegs sind, die mit unlauteren und sogar betrügerischen Methoden arbeiten würden.

„Diese Leute versuchen beispielsweise, sich Zählerdaten zu besorgen und raten Verbrauchern dann zum Anbieterwechsel, weil angeblich bald die Preise steigen.“ Verbrauchern rät Scheffner, sich nicht auf dubiose Angebote einzulassen und stellt klar: „Wir würden unsere Kunden nie unangemeldet aufsuchen und Daten verlangen. Die Daten unserer Kunden haben wir ja bereits.“

Besser nicht an der Haustür unterschreiben

Auch die Marler Verbraucherberatung rät dringend von Haustürgeschäften ab. „Die sind am Ende meistens teurer, außerdem wird Kunden dadurch die Vergleichsmöglichkeit mit anderen Anbietern oder Produkten genommen“, sagt Reint Jan Vos, Leiter der Beratungsstelle in Marl. Preisaufschläge von 25 bis 30 Prozent seien dabei keine Seltenheit. Keine Seltenheit seien auch Hausbesuche von Vertretern in Marl. „Das war schon lange vor Corona so und wird voraussichtlich auch danach noch so sein.“

Reint Jan Vos leitet die Verbraucherberatung in Marl. © MZ-Archiv © MZ-Archiv

Wer dennoch einen Vertrag abgeschlossen hat, sollte nachher unbedingt die Preise vergleichen und gegebenenfalls vom Widerrufsrecht Gebrauch machen. „Dazu haben Kunden 14 Tage lang ein Recht“, sagt Reint Jan Vos.

Drei Geschäftsmodelle

Der Leiter der Verbraucherberatung nennt drei Geschäftsmodelle, mit denen Kunden gewonnen werden sollen. Die sogenannte Kaltakquise, bei der potenzielle Kunden ohne deren vorherige Einwilligung angesprochen werden, erfolgt neben dem klassischen Hausbesuch weiterhin durch eigentlich strafbare Telefonanrufe sowie neuerdings auch gerne bei Abschluss eines neuen Vertrags mit einem Telefonanbieter.

Reint Jan Vos: „In großen Elektronikmärkten beispielsweise wird Kunden zum neuen Handyvertrag gleichzeitig der Wechsel zu einem Energieversorger schmackhaft gemacht.“ Dazu gebe es dann als Bonus noch Einkaufsgutscheine.

„Langfristig zahlt man dabei aber meist drauf“, sagt der Experte.

Rückmeldung steht aus

Und was sagt AK Conception? Auf unsere Nachfrage per E-Mail und Telefon meldete sich das Unternehmen bisher nicht zurück.

Sieglinde Zdunek ist jedenfalls froh, ohne größeren Schaden aus der Sache herausgekommen zu sein. Sie bedankt sich bei ihren Kindern, die die Sache für sie in die Hand genommen haben. „Wenn meine Kinder nicht da gewesen wären, hätte ich die Sache einem Anwalt übergeben“, sagt die Marler Seniorin. Sie würde sich freuen, wenn ihr Beispiel helfen könnte, andere Menschen vor ähnlichem Ärger zu bewahren.