Bilanz 2021

Jäger retten 42 Rehkitze vor dem Tod

Kitze in der Kiste: Der Einsatz der Drohne mit Wärmebildkamera über den landwirtschaftlichen Wiesen Marls hat sich gelohnt, bilanziert Hegering-Sprecher Oliver Baumeister.
Ein vom Hegering Marl gerettetes Kitz wartet in seiner Kiste auf den Transport zu einem schattigen Plätzchen am Wiesenrand. © Hegering Marl

Es sind Bilder, die das Herz erwärmen: Rehkitze, die mit ihren großen Augen teils furchtsam, teils neugierig aus der kleinen Kiste schauen, die für sie zur Rettungsarche geworden ist. Der Hegering Marl hatte in diesem Frühjahr eine Drohne mit Wärmebildkamera angeschafft und zieht jetzt, am Ende der landwirtschaftlichen Wiesenmahd, eine stolze Bilanz: „Zwischen dem 28. Mai und dem 15. Juni konnten wir auf den Wiesen 42 Kitze vor den Messern der Mähwerke retten, das ist für den Anfang wirklich gut gelaufen“, bilanziert Oliver Baumeister, Pressesprecher des Hegerings Marl.

Der Marler Jäger Oliver Baumeister gehört zum Hegering-Team, das diese vier Kitze sicher an den Wiesenrand gebracht hat. © Hegering Marl © Hegering Marl

Hightech-Drohne kontrolliert 65 Hektar Wiese

An 13 Tagen war die 6000 Euro teure Hightech-Drohne über den Marler Wiesen im Einsatz. Landwirte und Jäger hatten vor Ort mitgeholfen, sinnvolle Einsatzorte ausfindig zu machen. 65 Hektar an Wiesen auf Marler Stadtgebiet wurden überflogen. Dabei legte die Drohne insgesamt 90 Kilometer zurück.

Das drei- bis vierköpfige Team musste vor Ort bei der Arbeit mit der Wärmebildkamera erst einmal Erfahrung sammeln, doch das Ergebnis spricht für sich. „Wir waren meist frühmorgens, so ab vier Uhr im Einsatz, weil dann die Wiesen noch kühl sind und die Wärmebildkamera die Kitze besser ausmachen kann“, sagt der 31-jährige Marler, dessen Eltern das Hotel Baumeister an der Nordstraße betrieben haben.

Drohnen-Obmann Lars van den Bruck packt das Kitz dick mit Gras ein, bevor es auf der Wiese in die Kiste gepackt wird. © SYSTEM © SYSTEM

Das gerettete Kitz landet in der Kiste

Und so ist ein typischer Einsatz abgelaufen: Ein Marler Bauer, der seine Wiese abmähen will, informiert den Hegering. Dann folgt der Einsatz im Morgengrauen, für den der Bauer zuvor eine kleine Gebühr von vier Euro pro Hektar überwiesen hat. Die Drohne flieht über die Wiese, die Wärmebildkamera macht die Kitze sichtbar, die von einer normalen Kamera im dichten Grün des hohen Grases niemals entdeckt worden wären.

Mit Handschuhen und einer Kiste nähert sich das Hegering-Team dem Tier, das sich aus Instinkt duckt, aber nicht flieht. Bevor das Rehkitz angefasst wird, wird es dick mit frischem Gras eingepackt, damit kein menschlicher Geruch an seiner Haut haften bleibt. Die Kiste mit dem Tier wird am Rand der Wiese an einem schattigen Plätzchen abgestellt. Ist die Wiese abgemäht, wird das Kitz vom Jäger freigelassen. Das Kitz ruft nun seine Mutter, die kommt, um es zu säugen. „Manchmal war es echt knapp, sagt Baumeister: „Einmal hat die Drohne das Kitz erst vier Meter vor dem fahrenden Traktor entdeckt. Das war Rettung in letzter Sekunde!“

Oliver Baumeister startet die Drohne mit der Wärmebildkamera. © SYSTEM © SYSTEM

Hegering Marl möchte zweite Drohne anschaffen

Realität ist natürlich auch, das nicht alle Kitze gerettet werden können. „In Deutschland wurden im letzten Jahr etwa vier Kitze auf 100 Hektar vermäht, das sind 92.000 tote Tiere pro Jahr, plus Dunkelziffer“, weiß Oliver Baumeister. Der Marler Hegering mit seinen etwa 220 Jägerinnen und Jägern erwägt deshalb, für das kommende Jahr eine zweite Drohne anzuschaffen. „Landwirte müssen sich bei der Mahd nach dem Wetter richten. So konzentriert sich der Wiesenschnitt oft auf wenige Tage im Jahr, eine zweite Drohne wäre da super.“

Seltener Fund: Jäger Franz Gerding hat ein schwarzes Rehkitz wird vor den Messern des Mähwerks bewahrt. © Hegering marl © Hegering marl

Hegering-Sprecher Oliver Baumeister arbeitet als Rettungsassistent bei der Feuerwehr Bochum. Schon sein Vater und sein Opa waren Jäger. Er versteht, dass mancher Tierschützer seinem Hobby und Leidenschaft kritisch gegenübersteht. Was ihn aber wirklich erschreckt, ist der Vorwurf in sozialen Netzwerken, die Jäger retteten die Kitze nur, um sie später umso leichter abschießen zu können. „Das ist wirklich unglaublich, daran habe ich bei all meinen Einsätzen mit der Drohne nicht eine Sekunde lang gedacht“, sagt Baumeister und schließt: „Wer einmal ein Kitz mit abgetrennten Gliedmaßen gesehen hat, weiß, worum es geht. Wir wollen die Tiere ganz einfach vor einem grausamen, qualvollen Tod schützen.“

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