Kitas und Grundschulen

Keine Chance auf Lüftungsanlagen nach den Sommerferien

Im Schulausschuss keimte die Hoffnung, Fördermittel des Bundes für Raumlufttechnik an Kitas und Grundschulen schnell abgreifen zu können. Die Realität sieht anders aus.
Luftfilteranlangen, hier in der Produktion, sind technisch aufwendig, teuer und am Markt zurzeit schwer zu bekommen, denn Pandemie-Planungen gibt es nicht nur in Marl. © picture alliance/dpa/Wolf GmbH

Rat und Verwaltung, das ist in der Stadt Marl manchmal so etwas wie Hund und Katze. Man möchte miteinander spielen, aber man versteht sich nicht. Jüngstes Beispiel: die letzte Sitzung des Ausschusses für Schule und Sport, wo ungeduldige Ratsherren mit Dezernenten, Amtsleitern und Fachleuten um die Frage gerungen haben, warum es einfach nicht gelingen will, in Corona-Zeiten die anstehenden Sommerferien für den Einbau von Lüftungsanlagen an allen Marler Kindergärten und Grundschulen zu nutzen.

„Zeitnah“ soll das geschehen, fordert ein gemeinsamer Antrag von CDU, FDP und Bündnisgrünen. Der Bund stelle die Fördermittel doch bereit, heißt es dort. In den Sommerferien seien die Gebäude leer. Worauf also noch warten? „Andere Städte schaffen das, warum wir nicht“?, fragt die Sachkundige Bürgerin Ilse Kiffe-Heinze für die FDP-Fraktion. Auf Seiten der Verwaltung wirkt dieser Vorwurf fast wie eine Provokation.

Ein Tweet des Kanzleramtsministers sorgt für Euphorie

Ja, für Kanzleramtsminister Helge Braun (CDU) im fernen Berlin ist alles ganz einfach: „Förderung vom Bund bis zu 80 Prozent, gut gegen Corona und gut fürs Lernklima! ToDo: In den Sommerferien einbauen!“, twittert Braun lustig. Der Tweet findet sich im Antrag wieder. Die Realität der Kommunalpolitik sieht allerdings ganz anders aus.

Schulausschuss und Verwaltung wollen etwas für die Gesundheit der Kinder tun, das ist klar, aber der Teufel steckt im Detail. So macht Schuldezernentin Claudia-Schwidrik-Grebe darauf aufmerksam, dass der Fördertopf erst seit wenigen Tagen besteht, dass für die Einreichung eines Förderantrags eine detaillierte Planung vorgelegt werden muss, was Monate dauern wird. Sie rechnet vor: Alle Kitas und Grundschulen, das sind 300 Räume. Bei angenommen Kosten von 10.000 Euro pro Lüftungsanlage wären das drei Millionen Euro. Bei 80 Prozent Förderung müsste die Stadt 20 Prozent selber aufbringen, also 600.000 Euro. „Diese Eigenmittel können wird nicht ohne weiteres schultern“, glaubt Schwidrik-Grebe.

Lüften durch das Öffnen der Klassenzimmerfenster ist im Sommer sinnvoll, verschlechtert in kalten Wintern die Unterrichtssituation aber drastisch. © picture alliance/dpa © picture alliance/dpa

„Es gibt keine Chance, das Projekt schon in den Sommerferien zu realisieren. Ich weiß wirklich nicht, wie ich das schaffen soll“, sagt auch Bernd Stankowiak. Der Marler Schulamtsleiter weist darauf hin, dass in dem Antrag nicht einmal klar erklärt ist, ob es bei den geforderten raumlufttechnischen Anlagen (RLT) um reine Belüftungs- oder aber um Klimaanlagen mit Kühlfunktion gehen soll. Wenn nach Monaten die Planung steht und die Mittel bewilligt sind, müsste Marl als Kommune die Gewerke europaweit ausschreiben. „Das ist das längste Verfahren und dauert mindestens drei Monate“, so Stankowiak.

Sigrid Bauer ist Leiterin der Harkortschule und sieht einen hohen Bedarf an raumlufttechnischen Anlagen. © Ralf Deinl © Ralf Deinl
  • Für Sigrid Bauer, Leiterin der Harkort-Grundschule am Lipper Weg, ist der Bedarf an raumlufttechnischen Anlagen an Schulen und Kindergärten hoch.
  • „Im letzten Winter hatten wir durch das Lüften zeitweise nur 6 Grad in den Klassen. Die Kinder saßen mit dicken Jacken und Mützen da. Das ist keine ideale Lernsituation“, sagt Bauer.
  • Eine Klimatisierung, also Kühlung im Sommer, sei weniger wichtig. „Da kann man die Fenster öffnen oder auch mal rausgehen“, so die Schulleiterin.
  • Wichtig ist für Sigrid Bauer, dass in den Lüftungsanlagen eine Filterfunktion gegen die Viren eingebaut ist, denn: „Die nächste Pandemie kommt ganz bestimmt!“

Experte veranschlagt Jahre für das Belüftungsprojekt

„Geben Sie mir fünf Jahre, und ich mache das“, kontert Markus Annuß das Drängen im Schulausschuss. Der Abteilungsleiter Instandhaltung beim Schulamt erklärt: „Für diese Projekt brauchen wir Maler, Trockenbauer, Glaser, Elektriker, die kriegen wir im Augenblick ganz einfach nicht, und wenn doch, dann kommen sie in sechs bis acht Monaten.“ Auch die Anlagen selbst seien in Corona-Zeiten kaum zu bekommen. „Glauben Sie mir“, schließt Annuß: „ich habe selber vier Kinder an Schulen, ich würde alles für diese Projekt tun, aber aus dem Stand geht das nicht.“

Immerhin : Der Schulausschuss des Stadtrats zeigte sich beeindruckt. Man will der Verwaltung nun mehr Zeit für Planung und Förderanträge geben. Auch die Fähigkeit, den Eigenanteil von 20 Prozent zu stemmen soll noch einmal überprüft werden. So legte sich der Sturm im Wasserglas. Ratsherr Andreas Täuber (SPD) brachte die Enttäuschung zum Ausdruck : „Die Politik in Berlin ist absolut unrealistisch. Für Kommunen wie Marl ist das einfach nur frustrierend.“

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