Grüner Kandidat mit Fahrrad gestürzt

Knappes Wahlergebnis „das Beste, was passieren kann“

Übereinstimmend stellen die Wahlvorstände an diesem sonnigen Sonntag eine rege Beteiligung in den Wahllokalen fest. Aber welcher Partei wird sie heute nützen?
Lächelnde Gesichter bei der FDP: Robert Heinze, Direktkandidat im Wahlkreis 122, Marlies Greve, Kandidattin im Wahlkreis 121, und der Kreisvorsitzende Mathias Richter. © Ralf Deinl

Was für ein knappes Wahlergebnis – im Bund und auch in der Region! Für Bundestagskandidat Robert Heinze (FDP) ist es „das Beste, was passieren konnte“. Es gibt keinen Matchwinner, betont Heinze: „Egal wer Kanzler wird, er wurde von 75 Prozent nicht gewählt. Also wird sich die neue Koalition über Inhalte definieren. Endlich reden wir über Inhalte.“

Er selbst stellt klar, für welche Inhalte die FDP stehen wird: Keine Steuererhöhungen – das ist die Bedingung dafür, dass die Liberalen in einer Koalition mitregieren. Jamaika – wäre für Robert Heinze die beste aller realistischen Optionen. „Mit der SPD zu sprechen, ist auch ganz normal, gerade hier im Ruhrgebiet.“ Nur eines werde keiner mehr in Deutschland wollen: eine große Koalition.

FDP stabil

Als die ersten Prognosen die FDP das zweite Mal hintereinander zweistellig im Bundestag sahen, brandet Applaus in der Gaststätte Fornarina (zugleich liberales Wahlkampfbüro) auf. „Nach vielen Höhen und Tiefen der letzten Jahrzehnte sind wir wieder ein stabiler Faktor der Politik: Darauf können wir stolz sein“, sagt der Kreisverbandsvorsitzende Mathias Richter unter kräftigem Beifall.

Robert Heinze rechnet sich gute Chancen aus, in den Bundestag einzuziehen. Voraussetzung sind 90 Bundestagssitze seiner Partei: „Das wird eine lange Nacht, bis wir das wissen.“ Nach 43 Jahren müsse der Kreisverband Recklinghausen endlich wieder einen Bundestagskandidaten bekommen. Mit 8,27 Prozent Erststimmen im Wahlkreis 122 könne er gut leben, sagt Heinze: „Die Wahrscheinlichkeit, dass ein FDP-Kandidat im Ruhrgebiet direkt gewählt wird, ist überschaubar.“ Keine Aussichten auf ein Mandat hat die Recklinghäuserin Marlies Greve, die aber bei Fornarina mitfeiert: „Für mich war es wichtig, für unsere Themen zu stehen.“

Mit dem Fahrrad gestürzt

Kurz nach 18 Uhr hat sich bei der Wahlparty von Bündnis 90/Die Grünen in Marl ein Kreis geschlossen – als Robin Conrad, Spitzenkandidat im Wahlkreis 122 in den „Lipper Hof“ kam, war das Entsetzen erst einmal groß: Der 24-Jährige ist auf dem Weg von Oer-Erkenschwick nach Marl mit dem Fahrrad gestürzt: Auf dem unsäglich desolaten Radweg an der Schulstraße… Glück im Unglück: Es blieb bei einer Handverletzung und Schrammen. Soviel zur örtlichen Radpolitik. Nach der ersten Wahlprognose herrschte zwar Freude über das am Ende wohl beste Bundestagswahlergebnis der Partei, aber keine Euphorie – so lässt sich die Reaktion der Marler Bündnisgrünen auf die erste Prognose am Wahlabend zusammenfassen. Immer war das Kanzleramt das erklärte Wahlkampf-Ziel von Spitzenkandidatin Annalena Baerbock. „Wir haben aber alle unsere Themen gut transportieren können“, sieht Conrad, dass Bündnis 90/Die Grünen „am Wahlkampfstand zu den Menschen durchgedrungen ist. Es haben uns dann nicht alle gewählt, aber das Interesse hat gezeigt, dass wir richtigliegen.“

Die Bündnisgrünen in Marl verfolgten mit Spitzenkandidaten Robin Conrad (vorne, 2.v.r.) und den Parteivorsitzenden Katharina Sandkühler und Daniel Schulz sowie Ratsfraktionschef Michel Sandkühler die ersten Prognosen. © Thomas Fiekens © Thomas Fiekens

Zitterpartie für die Linken

Für die Kandidatin der Linken, Ulrike Eifler, ist der Wahlabend eine „Zitterpartie“: Ziehen die Linken mit fünf Prozent in den Bundestag ein, dann wird sie mit großer Wahrscheinlichkeit als Abgeordnete vertreten sein: „Ich hoffe, dass es heute Nacht stabil bleibt“. Aufgrund der Umfragen hat sie mit einem knappen Ergebnis gerechnet. 2,85 Prozent der Stimmen holt sie im Wahlkreis 122. „Dafür, dass ich mich hier erst bekannt machen musste, bin ich nicht unzufrieden.“

An diesem Sonntag sind Marler Wähler Frühaufsteher

Liegt es am sonnigen Wetter? Schon früh morgens kurz vor 8 Uhr warten vor dem Wahllokal im Gemeindezentrum St. Pius die ersten Wählerinnen und Wähler. Überhaupt stellt der Wahlvorstand ein ständiges Kommen und Gehen von Jüngeren und Älteren fest – an diesem Sonntag sind die Wähler Frühaufsteher. Kugelschreiber, Desinfektionsmittel und Mundschutz (für diejenigen, die ihre Maske vergessen hatten) liegen bereit. Im Kulturzentrum Erlöserkirche und anderen Lokalen können die Wahlberechtigten sogar Schnelltests machen.


Am Mittag meldet die Stadt Marl eine rege Wahlbeteiligung in den meisten Wahllokalen. In den Wahlbezirken 3.1 (Feuerwehrgerätehaus Lenkerbeck) und 18.1 sind zu diesem Zeitpunkt bereits die ersten Wahlurnen voll, berichtet Stadtsprecher Rainer Kohl. Neue werden zügig nachgeliefert.

Eingangstreppe ist Endstation für Rollstuhlfahrer

Das einzige nicht barrierefreie Wahllokal ist das Gymnasium im Loekamp. Hier gibt es bei der Stimmabgabe Probleme. Gisela Schneider und Gerda Dornberg aus Hüls müssen mit dem Rollator eine längere Strecke laufen als zum Seniorenzentrum und kommen nicht die Eingangstreppe hinauf. „Und das, obwohl so viele alte Leute hier wohnen.“ Für einen Rollstuhlfahrer ist ebenfalls auf dem Hof Endstation. Deshalb bringt das Team des Wahlvorstands die faltbare Wahlkabine kurz nach draußen, damit die Seniorinnen in geheimer Wahl ihr Kreuzchen auf dem Stimmzettel machen können – mit einem Aktenordner als Unterlage. Das GiL ist keinesfalls der ideale Standort für ein Wahllokal. Hier muss sich die Stadtverwaltung für die nächste Abstimmung Gedanken machen.

Verärgert: Gisela Schneider und Gerda Dornberg aus Hüls können nur mit Mühe ihre Stimme abgeben. Die Wahlkabine wird kurz nach draußen vors Gymnasium im Loekamp gebracht. © Ralf Deinl © Ralf Deinl

Viele Briefwähler, viel Arbeit, hohe Verantwortung: In der Aula und in Klassenräumen des Marler Albert-Schweitzer/Geschwister-Scholl-Gymnasiums läuft die Bearbeitung der Briefwahl kurz vor 16 Uhr auf vollen Touren. Die Wahlvorständen habe sich in eine Art Gute-Laune-Modus hineingearbeitet, alles geht flott zur Hand: Rotes Briefwahl-Couvert öffnen, Wahlschein raus, blauen Stimmzettel-Umschlag bis zu Auszählung ab 18 Uhr stapeln…

Akribische Vorbereitung in Marl zahlt sich aus

Die Wahlvorstände gehen hochkonzentriert ans Werk. Michael Bach, allgemeiner Stellvertreter von Bürgermeister Werner Arndt, ist zufrieden. Bach ist zugleich Chef des Haupt- und Personalamtes, das die Wahl in Marl vorbereitet hat: Besondere Vorkommnisse? Fehlanzeige. „Das haben wir einem erfahrenen Super-Team zu verdanken, das die Wahlen seit seit Jahren akribisch vorbereitet. Im Prinzip ist es schon seit November an der Arbeit. Und natürlich können wir nur allen Wahlhelfern danken“, sagt Bach, bevor er zum nächsten Wahllokal weiterfährt. Es werden noch einige folgen. „Nach meinem Verständnis gehört es sich so, das man sich zeigt, wenn man Verantwortung trägt.“

Marls Dezernent Michael Bach (2.v.r.) hilft beim Ausschütten der Urnen mit den Briefwahl-Unterlagen, die gleich (v.l.) Gabriele Dombrowski , Sabine Schliwa, Stefanie Müller und Katharina Piller sortieren und auszählen werden. © Meike Holz © Meike Holz

Der Abend in Marl

Täglich um 18:00 Uhr berichten unsere Redakteure für Sie im Newsletter über die wichtigsten Ereignisse des Tages.

Informationen zur Datenverarbeitung im Rahmen des Newsletters finden Sie hier.

Lesen Sie jetzt