Hilfebedarf steigt

Mit dem Wohnungsverlust geht die Würde verloren

Am 11. September wirft der „Nationale Tag der Wohnungslosen“ ein Schlaglicht auf ein drängendes Problem. Die Wohnungslosenberatung und -hilfe der Caritas fängt immer mehr Menschen auf.
Wenn wohnungslose oder vom Verlust der Wohnung bedrohte Frauen Kinder haben, verschärft das die Problemlage noch um ein Vielfaches. © kein_verkauf

Am Samstagabend werden alle Reden geredet worden sein – für zukünftig mit großer Sicherheit abgeschlossene Geschehen kennt die deutsche Sprache das Futur II. Dessen Anwendung ist berechtigt: Nach dem „Nationalen Tag der Wohnungslosen“ am 11. September steht zu befürchten, dass eines der drängendsten sozialen Problem wieder dorthin verschwindet, wo es zuvor war – an den Rand öffentliche Wahrnehmung.

Gesellschaft darf nicht wegsehen

Dabei ist der Hilfebedarf höher als alle Angebote, das liegt auch an der Corona-Pandemie. Aber nicht nur. In Marl ist die Situation so, dass man als Gesellschaft nicht wegsehen darf. Kathrin Kühn ist seit dem 1. Januar Fachbereichsleiterin der Caritas-Wohnungslosenhilfe. Sie sagt: „Wir erleben seit Jahren eine stete Zunahme.“

Schon die Gesamt-„Fallzahlen“ der letzten fünf Jahre sprechen für sich: 625 waren es 2020 (589 entfielen auf den Bereich Beratung, 24 aufs ambulant betreute Wohnen, 12 auf teilstationäre Einrichtungen). 2019: 608; 2018: 598; 2017: 575; 2016: 550…

Die Caritas ist mit der Stadt Marl einer der großen Akteure auf diesen Gebiet sozialer Arbeit und unterhält mit der Beratungsstelle an der Max-Planck-Straße 36 eine der bekanntesten Anlaufstellen Marl.

Kein Anlass für Sozialromantik

Dort kümmern sich Fachleute um Menschen, die ihren Lebensunterhalt nicht mehr sichern, Miete oder Energiekosten nicht mehr zahlen können. Es geht um Wohnungen, die in Gefahr oder schon gekündigt sind. Um Isolation, in der Hilfe von Freunden oder Verwandten nicht zu erwarten ist. Mit dem Wohnungsverlust geht Würde verloren.

Wenn der „Tag der Wohnungslosen“ etwas erreichen kann, ist es die Sensibilisierung fürs Thema. Weiter spuken durch Bilder durch die Köpfe, die mit der Realität nichts zu tun haben. Wohnungslosigkeit eignet sich weder für sozialromantische Betrachtung noch für voyeuristisch angeregte Betroffenheits-Berichte.

Selbst schuld an der Misere – viele Menschen, die so über Wohnungslose denken und sprechen, sind selbst nur einen Unfall oder Schicksalsschlag von der Abwärtsspirale entfernt. Ja, individuelle Anteile an der Situation gibt es. Entscheidenden Einfluss haben aber die „Big Five“, die jeder Sozialarbeiter kennt: Krankheit, Arbeitslosigkeit, Scheidung, Scheitern von Selbstständigkeit, dauerhafte Beschäftigung im Niedriglohnsektor.

Vor Übernahme der Fachbereichsleitung war die Arbeit mit wohnungslosen Frauen Schwerpunkt von Kathrin Kühn – hier sind die Zahlen zuletzt explodiert. Unter den 589 Beratungen insgesamt in 2020 entfielen allein 191 auf die Beratungsstelle für Frauen – gegenüber 168 in 2019.

Problemlagen kumulieren

Hier kommen oft mehrere bestürzende Faktoren zusammen: Unter 191 Klientinnen in 2020 hatten 17% minderjährige Kinder und 14% keine Unterkunft. 24% waren nicht älter als 24 Jahre.

„Wohnungslose wollen nicht auffallen. Sie versuchen sich quasi unsichtbar zu machen. Besonders häufig ist dies bei wohnungslosen Frauen zu beobachten“, weiß Kühn. Grundsätzlich ist nur ein geringer Anteil auf der Straße „sichtbar“, viel mehr versuchen, „versteckt“ über die Runden zu kommen.

Man hangelt sich von Schlafplatz zu Schlafplatz bei Freunden oder Verwandten, gerade Frauen gehen Zweckgemeinschaften ein, um ein Dach über dem Kopf zu haben.

„Wir machen uns weiterhin gegen Wohnungslosigkeit stark, denn jeder Mensch hat ein Recht auf eine Wohnung. Die Wohnungslosenhilfe setzt sich weiter ein, damit Menschen sicher und bezahlbar wohnen können“, lautet das Credo von Kathrin Kühn zum „Nationalen Tag der Wohnungslosen“.

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