Waldbegehung

Naturschützer sind entsetzt über Baumfällungen

Bei einer Ortsbegehung in dem kleinen Wald Am Steinberg vermissen NABU-Experten zahlreiche alte Buchen, die vor allem dem Schwarzspecht eine Zuflucht boten. Sie wurden gefällt.
Der NABU vor Ort: Thorsten Krajewski (l.) zeigt an einer Buche das orangefarbene Spechtzeichen. Daneben stehen NABU-Gruppensprecher Erwin Gebauer (M.) und Peter Marrek. © Julia Dziatzko

Thorsten Krajewski ist entsetzt: „Das tut mir im Herzen weh, das ist die reine Katastrophe“. Der Marler Naturschützer vom NABU zieht eine bittere Bilanz nach einer Begehung des Waldes an der Straße am Steinberg in der Nähe des ehemaligen Bergwerks AV Schacht 6.

Noch vor kurzem standen in dem Mischwald Dutzende mächtige Buchen mit den typischen Höhlen, in denen der Schwarzspecht sein Zuhause findet. Einige dieser Bäume fehlen nun. Sie wurden gefällt. Für den bedrohten Vogel ist der Lebensraum in unserer Region noch einmal kleiner geworden.

Wie berichtet, hatte der Regionalverband Ruhr (RVR) als Eigentümer Durchforstungsarbeiten in dem Wäldchen durchgeführt und diese als Pflegemaßnahme deklariert, um mehr Licht in den Wald zu bringen. Wiederaufforstungsmaßnahmen sind nicht vorgesehen.

Holzpreise auf dem Weltmarkt haben dramatisch angezogen

Grundsätzlich hat der Naturschutzbund Deutschland auch kein Problem damit, wie der Marler NABU-Gruppensprecher Erwin Gebauer bei einer Begehung des Waldes erläutert. „Ich habe zum Teil Verständnis für die Fällungen, den jeder Baum braucht Platz.“

Allerdings kann Gebauer sich des Verdachts nicht erwehren, das der Einschlag hier weitaus stärker war als notwendig. Hinzu kommt die Überlegung, dass beim RVR auch wirtschaftliche Erwägungen eine Rolle gespielt haben könnten, zumal die Holzpreise in den letzten Monaten um bis zu 300 Prozent angezogen haben. Bekanntlich fegen die Chinesen zurzeit den Weltmarkt leer. Auch Marler Schreiner und Holzhändler können ein Lied davon singen.

Hier stand einst eine mächtige Buche mit Schwarzspechthöhlen. Sie wurde jetzt gefällt. © Julia Dziatzko © Julia Dziatzko

Auch Fledermäuse nutzen Schwarzspechthöhlen

Gebauer hält sich mit Vorwürfen zurück, aber der Anblick des Waldes spricht eine deutliche Sprache. Zahlreiche Buchen sind mit weißen Linien markiert. Sie sollen den tonnenschweren Forstfahrzeugen den Weg durch den mit hohen Buchen und knorrigen Eichen besetzten Mischwald zeigen. Am Boden haben die großen Reifen breite, tiefe und schlammige Spuren hinterlassen. Am Waldrand stapeln sich die gefällten Stämme. Wiederholt trifft Thorsten Krajewski auf Baumstümpfe von Buchen, die bis vor kurzem Nist-, Schlaf- oder Brutplatz von Schwarzspechten oder Hohltauben waren. Beide stehen nach europäischem Recht und Bundesnaturschutzgesetz unter besonderem Schutz. „Auch Fledermäuse und Hornissen nutzen die Höhlen“, weiß Krajewski. Sein Vorwurf: die Waldarbeiter des RVR hätten wissen können, was sie fällen, denn die Buchen mit den Nisthöhlen hatten eine besondere, weithin sichtbare orangefarbene Markierung: ein V mit einem S darin. S steht wohl für Schwarzspecht.

Am Waldesrand liegen gefällte Bäume. Die Markierung weist den RVR als Eigentümer aus. © Julia Dziatzko © Julia Dziatzko

NABU-Sprecher Gebauer mit Gesprächsangebot an Waldbesitzer

Das Rauschen der nahen Autobahn 43 zieht sich durch den Wald. Für Menschen, die Ruhe suchen, ist dieses Biotop als Erholungsort nur bedingt geeignet, für Tiere als Rückzugsort aber schon. Erwin Gebauer sucht deshalb mit allen Verantwortlichen das Gespräch: „Ich wünsche mir gerade bei Wäldern, die in öffentlicher Obhut sind, eine besondere Rücksichtnahme auf Arten- und Klimaschutz. Wirtschaftliche Interessen sollten hier zurücktreten.“ Warum, so fragt sich Erwin Gebauer, werden Naturschutzexperten, die sich vor Ort bestens auskennen, nicht gefragt, bevor die Bäume fallen?

Unter dem Strich ist das Vorgehen des RVR in dem Wald am Steinberg ein eher harmloses Beispiel, meint NABU-Gruppensprecher: „Ich erkenne bei der Auswahl der Bäume durchaus auch försterliches Geschick.“ Die Fällung von Bäumen mit Schwarzspechthöhlen hätte sich aber vermeiden lassen. Sein Angebot an alle Waldbesitzer steht: „Wir müssen vernünftig miteinander reden!“

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