Schacht-Rückbau: Der Stand der Dinge

RAG hilft Mutter Natur bei der Rückeroberung der Zeche Polsum

Rückbau der Polsum-Schächte durch die RAG Montan Immobilien schreitet mit Riesenschritten voran und macht den Weg für das ambitionierte Öko-Projekt „Green Zero“ frei.
An einem alten Kauengebäude laufen noch Abrissarbeiten - die Schachtanlagen Polsum 1 und 2 sind schon weitgehend verschwunden. © Meike Holz

Es staubt. Es staubt sogar gewaltig, als sich an einem heißen Junitag Abrissbagger und Radlader in Polsum ans Werk machen. Der Rückbau der alten Steinkohle-Schachtanlagen Polsum 1 und 2 liegt im Endspurt, er macht den Weg frei für das „Green Zero“-Umweltprojekt des Aachener Öko-Unternehmers Dr. Dirk Gratzel.

Ortstermin: Wie man sieht, sieht man (fast) nichts mehr vom „Pütt“. Wer sich auf dem Gelände nahe der Buerer Straße/Im Dörnen mit Ingenieur und Projektleiter Ulrich Ostrawsky trifft, entdeckt: Die RAG Montan Immobilien GmbH hilft Mutter Natur bei der Rückeroberung auf die Sprünge.

Ulrich Ostrawsky (v.l.) und Stephan Conrad von der RAG Montan Immobilen GmbH erläutern mit Polier Michael Freitag (Stricker Gruppe/Dortmund) den Stand der Abrissarbeiten. Ende 2021 sollen die Flächen „besenrein“ übergeben werden. © Meike Holz © Meike Holz

„Ich bin mir sicher, dass wir mit dem Aufwand, den wir bei der Aufbereitung ehemaliger Bergbauflächen treiben, auch international weit mit vorne sind“, sagt Ostrawsky. Er ist im Privatleben Jäger, man darf ihm getrost attestieren, dass er von Natur deutlich mehr Ahnung hat als viele andere.

Molche und Frösche in Trafo-Tassen

Es ist ihm ein echtes Anliegen, wenn Ostrawsky Fingerzeige für das gibt, was sich entwickelt: Pflanzen breiten sich aus, in einem mit Sachverstand angelegten Teich tummeln sich Frösche und Molche. Selbst sogenannte Trafo-Tassen sind nach der Säuberung ihr Refugium – dabei muss man wissen, dass die massiven Beton-Bottiche als allerletzte Überlauf-Sicherung bei Öl-Havarien dienten.

Gleichwohl geht es immer auch darum, Aufwendungen im wirtschaftlichen Rahmen zu halten, den Rücklagen des Bergbaus und staatliche Unterstützung setzen. Luxussanierung ist nicht vorgesehen. Das Abschlussbetriebsplanverfahren (ABP) schreibt allerdings detailliert vor, was zu tun ist.

Die Trafo-Tassen haben längst von Mutter Natur Frosch- und Molch-Besatz erhalten. © Meike Holz © Meike Holz

Auch wenn andere Ex-Bergbaustandorte, vor allem die mit Kokereien, belasteter sind: Niemand tut so, als hätten Bergbau-Jahrzehnte auf den Materialseilfahrt- und Bewetterungs-Schächten Polsum 1 (9,8 Hektar) und Polsum 2 (1,5 Hektar) keine Spuren hinterlassen.

Kühlanlagen zur Bewetterung („Belüftung“) der Schächte, Fördermaschinenhaus, Schalthaus, Schachthallen… Alles verschwunden. Noch knabbern Bagger mit ihren Zangen an Beton-Unterzügen eines ehemaligen Kauengebäudes herum, doch es ist absehbar, dass das Gemäuer binnen Tagen in 0 bis 45 mm-Körnung auf einem großen Recycling-Schotterberg für den Straßenbau zu liegen kommt. Fein säuberlich getrennt von Stahlschrott, Holz – und Schadstoffen.

Sprengstoff-Bunker kann bleiben

Dafür sorgen Polier Michael Freitag und die Abbruch-Profis der Dortmund Stricker Gruppe. Freitag kennt die Tücken des Details: Es war in den Bergbau-Jahrzehnten kein böser Wille, Asbest und PCB-haltiges Fugenmaterial zu verbauen, sondern damaliger Stand der Technik. Heute müssen die gefährlichen Stoffe aufwendig, teils von Hand, getrennt und entsorgt werden.

Der Eingang zum ehemaligen Sprengstoff-Bunker auf dem Schachtgelände. Wollte man ihnen entfernen, was bunkertypisch schwierig ist, würde der darüber liegenden Wald zerstört. Der Bunker wird verschlossen, Tieren aber über das gezielte Anlegen von Röhren zugänglich gemacht. © Meike Holz © Meike Holz

Die Schachtgebäude stellen den Stricker-Maschinenpark vor kein Problem, der unterirdisch angelegte Bunker für den Bergbau-Sprengstoff ist aber nicht ganz ohne. „Die wussten damals ziemlich gut, wie man betoniert“, weiß Freitag aus ähnlichen Fällen, dass sich da mancher Bagger buchstäblich die Zähne ausbeißt.

Da schließt sich der Kreis zu „Green Zero“: Dr. Dirk Gratzel arbeitet seit 2015 daran, seinen persönlichen ökologischen Fußabdruck mit der Aufwertung industriell vorgenutzter Flächen auf Null zu reduzieren, er hat das Zechengelände gekauft. Die RAG Montan Immobilien GmbH ist als Grundstücksvermarkter des ehemaligen Steinkohle-Konzerns dabei, das Ganze quasi „besenrein“ zu hinterlassen. Dass man für die ökologische Aufwertung des Standortes den gereinigten Sprengstoff-Bunker nicht unbedingt samt darüber liegendem Wäldchen beseitigen muss, ist für alle eine Win-win-Situation: Mit Teilverfüllung und neu angelegten Röhrenzugängen kann er zum Rückzugsort für Fuchs und Dachs werden…

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