Marler Mobilitätskonzept

Rückbau der Herzlia-Allee geht 2022 in die Testphase

Die Reduzierung aller vierspurigen Straßen in Marl ist Teil des Mobilitätskonzepts. Autofahrer müssen Platz machen für Radler und Fußgänger. Zwischen MC-Donalds und Feuerwehr wird geprobt.
Baudezernentin Andrea Baudek und Verkehrsplaner Ingo Nölker werben für eine möglichst klimaneutrale Mobilität in Marl. © Thomas Brysch

Die Stadt Marl hat sich auf den Weg gemacht, ihr Verkehrssystem möglichst klimaneutral zu gestalten. Dazu gibt es seit 2019 das Marler Mobilitätskonzept, einen Rahmenplan, der bis zum Jahr 2035 Ziele und Maßnahmen formuliert, die Zug um Zug umgesetzt werden sollen. Die Kernbotschaft: Das Auto wird in der Stadt massiv zurückgedrängt, Fußgänger und Radfahrer sollen weitaus mehr Platz haben, der öffentliche Nahverkehr wird gestärkt. Über einige ausgewählte Projekte sprachen wir mit Baudezernentin Andrea Baudek und Stadtplaner Ingo Nölker.

Es klingt für viele Autofahrer wie eine Provokation, aber Marl will innerhalb der nächsten fünfzehn Jahre tatsächlich alle zurzeit vierspurigen Straßen im Stadtgebiet auf je eine Fahrbahn pro Richtung zurückbauen. Das betrifft die Rappaportstraße, die Herzlia-Allee, die Willy-Brandt-Allee, die Hervester und die Bergstraße. Schon im kommenden Jahr beginnt der praktische Teil einer Machbarkeitsstudie, wie Stadtplaner Ingo Nölker erläutert. „Wir werden im Jahr 2022 auf der Herzlia-Allee zwischen McDonalds und der Feuerwehr die rechte Fahrspur Richtung Norden für Pkw sperren und diese nur für Radfahrer bereitstellen.“ Dann soll es Verkehrszählungen geben, die den tatsächlichen Nutzungsgrad der Fahrspuren ermitteln.

Nach etwa einem halben Jahr wird der alte Zustand wiederhergestellt, doch die so gewonnenen Daten sollen für Planungen und Förderanträge genutzt werden mit dem Ziel, zwischen Recklinghäuser Straße (B225) und Chemiepark einen Teilabschnitt des Radschnellweges zu bauen, der eines Tages die Städte Marl und Recklinghausen verbinden soll. Dieser Radschnellweg wird in beiden Richtungen eine Breite von je vier Metern haben. Daran schließt sich in beide Richtungen ein mindestens 2,50 Meter breiter separater Gehweg an. Für Autofahrer bleibt die heutige linke Spur. „Wenn wir für den Radverkehr wirklich etwas tun wollen wollen, brauchen wir diese großen Projekte“, so Nölker.

Im bayerischen Bad Birnbach sind bereits autonom fahrende Elektrobusse im Einsatz. Auch im Marler Mobilitätskonzept sind diese Fahrzeuge vorgesehen. © picture alliance/dpa © picture alliance/dpa

Autonome Kleinbusse und Straßenbahn im Gespräch

Der Rückbau der vierspurigen Straßen schafft Platz auch für Gedankenspiele über eine technische Revolution: Linienbusse ohne Fahrer. „Ich hatte noch letzte Woche Kontakt mit der Universität Wuppertal, die zum Thema autonomes Fahren forscht. Dort hat man Marl als möglichen Standort einer Versuchsstrecke für autonome Kleinbusse ins Spiel gebracht.“ Nölker kann sich durchaus vorstellen, eine Fahrspur der Rappaportstraße oder Herzlia-Allee dafür bereitzustellen.

Das ist lange her: Eine Straßenbahn der Vestischen fährt Anfang der 1970er-Jahre auf der Bahnhofstaße in Sinsen. Auch im aktuellen Marler Mobilitätskonzept ist die Rückkehr der Tram angedacht, aber wohl unwahrscheinlich. © Vestische © Vestische

Erstaunlicherweise taucht als Innovationsbaustein für den öffentlichen Nahverkehr auch die gute alte Straßenbahn im Mobilitätskonzept wieder auf, ein Verkehrsmittel, das seit 1977 aus dem Marler Staßenbild verschwunden ist, aber in vielen Metropolen dieser Welt eine Renaissance erlebt. Im Mobilitätskonzept wird eine Verbindung zwischen Gelsenkirchen-Buer über Polsum und Marl-Mitte bis zum Chemiepark vorgeschlagen. Auch hier könnte die Tram vom Rückbau vierspuriger Straßen profitieren. Eine Anschlusslinie bis Bahnhof Sinsen ist ebenfalls angedacht. „Die Straßenbahn ist ein komfortables Verkehrsmittel, das weit mehr Menschen als ein Bus transportieren kann. Ab einer bestimmten Fahrgastzahl lohnt sich das“, sagt Andrea Baudek. Die Baudezernentin muss aber zugeben, das bei Investitionskosten von 160 Millionen Euro, dem gewaltigen Planungsaufwand und der Vielzahl von Akteuren, die dem zustimmen müssten, eine Realisierung eher unwahrscheinlich ist.

Die Vestische setzt übrigens nicht auf die Rückkehr der Straßenbahn, sondern will die klimaschonende Verkehrswende mit Taktverdichtung, dieselbetriebenen Bussen und Busfahrern aus Fleisch und Blut. „Wenn man tatsächlich die Herzlia-Allee/Rappaportstraße zurückbaut, sollte man besser eine exklusive Busspur einrichten“, regt Vestische-Sprecher Christoph van Bürk an.

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