Umweltausschuss

Schacht Polsum als Vorbild für die ökologische Transformation

Es begann in Marl: Immer mehr Firmen streben eine ausgeglichene Öko-Bilanz an. Sie sind deshalb bereit, in die Aufarbeitung alter Montanflächen zu investieren, glaubt Dirk Gratzel.
Dr. Dirk Gratzel im Sommer 2020 auf dem Gelände des ehemaligen RAG-Standorts Schacht Polsum in Marl © Patrick Köllner

Dr. Dirk Gratzel ist ein Kind des Reviers. Seine früheste Erinnerung ist der Blick des dreijährigen Jungen aus dem Fenster seines Zimmers im Essener Norden: Schachtgerüste, Halden, rauchende Schlote. Erst spät, nach erfolgreicher akademischer und Management-Karriere, hat auch dieses Kindheitsmuster zu einem radikalen Umdenken geführt: das weltweit beachtete Projekt „Green Zero“ auf der ehemaligen Schachtanlage Polsum 1/2 in Marl (wir berichteten).

Doch für den 53-Jährigen ist inzwischen klar, dass es in Polsum nicht dabei bleiben soll, die negative Umweltbilanz eines einzigen Menschen auszugleichen. Der fünffache Familienvater will nichts weniger als eine ökologische Transformation der Wirtschaft anschieben. „Vielleicht kann man später einmal sagen, in Marl hat es begonnen“, sagte der Umweltpionier jetzt bei der Vorstellung seines Projekts im Umwelt- und Nachhaltigkeitsausschuss des Marler Stadtrats.

„Green Zero“ findet weltweit Beachtung

Über das Polsumer Projekt und „Green Zero“ ist viel geschrieben worden, nicht nur in heimischen Gazetten, sondern auch in der Washington Post und der New York Times, wie Gratzel nicht ohne einen Anflug von Ironie berichtet. Die exakte, streng wissenschaftlich fundierte Erfassung der Lebens-Ökobilanz einer einzelnen Person ist weltweit einmalig, auch der Versuch, diesen u. a. aus 1200 Tonnen CO2 bestehenden „ökologischen Fußabdruck“ durch die Renaturalisierung einer Zechenbrache auszugleichen. Doch inzwischen will Gratzel mehr.

„Auf Polsum 1/2 hat sich schon die Blauflügelige Ödlandschrecke angesiedelt. Davon habe ich mich persönlich vor Ort überzeugt und darauf bin ich sehr stolz“, beschreibt der Manager ein winziges Mosaiksteinchen des Biotops, das schon im Werden ist, aber erst in Jahrzehnten vollendet sein wird. Und dieses neue Bewusstsein gibt Dirk Gratzel bundesweit in Seminaren an Unternehmen und deren Führungskräfte weiter, die so ihre eigene Umweltwirkung messen und verstehen sollen. Dabei hat der promovierte Jurist Management-Erfahrung genug, um zu wissen, dass auch eine künftige, nachhaltige Produktion oder Leistungserbringung am Ende natürlich trotzdem schwarze Zahlen generieren muss. Immer mehr Manager erkennen allerdings auch, dass das Kundenverhalten sich ändert, dass der Preis wichtig bleibt, aber nicht mehr alles ist, dass Nachhaltigkeit einen größer werdenden Teil des wirtschaftlichen Erfolgs ausmacht, zumal in Zeiten einer grünen Kanzlerkandidatur.

RAG-Flächen sollen in Biotope verwandelt werden

„Das Interesse bei vielen Unternehmen ist groß“, sagt Gratzel im Marler Umweltausschuss. Der Manager ist deshalb schon den zweiten Schritt gegangen und hat eine Firma gegründet, die von der RAG Montan Immobilien etwa 100 Hektar Land gekauft hat, darunter eine Halde in Ahlen, bei Bergkamen und das Grundstück des ehemaligen RAG-Standorts Ewald 5 in Herten – Flächen, die nach Polsumer Vorbild in reiche Biotope verwandelt werden sollen. Die Drogeriemarktkette dm will dort investieren und ihre Öko-Bilanz aufbessern. Auch der traditionsreichste Ruhrkonzern, die Firma Franz Haniel, deren Geschichte bis ins 18. Jahrhundert zurückreicht, hat sich vom Polsumer Projekt begeistern lassen, wie Gratzel den Marler Ratsmitgliedern erklärt.

Als nächstes könnte der dritte Schritt erfolgen. RAG-Sprecher Stephan Conrad bestätigt, das zwischen Gratzel und der RAG-Tochter Landschaftsagentur Plus Gespräche über gemeinsame Projekte zur fremdfirmenfinanzierten ökologischen Umwandlung weiterer ehemaliger Montanflächen laufen.

Dirk Gratzels Polsumer Projekt „Green Zero“ schlägt Wellen. Der Umweltausschuss der Marler Stadtrats zeigt sich beeindruckt – und vielleicht wird man wirklich eines Tages sagen können: „Alles begann in Marl.“

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