Erörterung im Chemiepark Marl

Wie gefährlich ist die Sondermüllverbrennung?

Ende 2022 will der französische Konzern SARP Industries eine Verbrennungsanlage für Chemiemüll im Chemiepark Marl in Betrieb nehmen. Gegner brachten beim Erörterungstermin ihre Einwände vor.
Zur neuen Restmüllverbrennungsanlage im Chemiepark fand im Feierabendhaus ein Erörterungstermin statt. © Meike Holz

Sie tauschten mit Vertretern der Behörden, von SARPI und Evonik sowie betroffenen Bürgerinnen und Bürgern im Feierabendhaus mehrere Stunden lang Argumente und Informationen aus.

Das ist geplant:

Die Rückstandsverbrennungsanlage (RVA) im Chemiepark soll modernisiert werden. SARPI will eine zweite Linie zur Verbrennung bauen und dort Sondermüll aus chemischen Anlagen verbrennen, ebenso Stoffe, die in Kläranlagen nicht abgebaut werden. Evonik hat bei der Bezirksregierung Münster eine Teilgenehmigung zur Erweiterung der Anlage beantragt.

Bisher werden Produktionsrückstände und Sonderabfälle im Kohlekraftwerk des Chemieparks Marl verwertet und teilweise verbrannt. Es wird im Frühjahr 2022 außer Betrieb genommen und durch Gas- und Dampfkraftwerke ersetzt. Dadurch will Evonik jährlich rund eine Million Tonnen CO2 einsparen – mehr als alle Marler im Jahr ausstoßen. Im alten Kohlekraftwerk konnten Produktionsrückstände mit verbrannt werden, in der neuen Gasturbine ist das nicht mehr möglich. Deshalb beantragte der Chemiepark die Erweiterung der Verbrennungsanlage.

Acht Einwendungen gegen das Großprojekt in Marl

Aktuell kann sie jährlich bis zu 45.000 Tonnen an Rückständen entsorgen. Sie verfügt über eine Feuerungswärmeleistung von 23 Mega-Watt. Künftig soll die Kapazität auf bis zu 195.000 Tonnen steigen, eine zusätzliche Feuerungsleistung von 49 MW soll geschaffen werden. Ein Tanklager, das bereits gebaut wird, soll in die Gesamtanlage integriert werden.

SARPI kündigte an, dass die Rückstände, die verbrannt werden, vorher im Labor genau untersucht werden. Nur wenn das Labor sie annimmt, dürfen sie in die Anlage aufgenommen werden. Nach bisherigen Informationen sollen rund 90 Arbeitsplätze durch die neue Anlage in Marl entstehen, davon 20 im Kontrolllabor. Schlacken und Staub sollen als Abfallprodukte auf eine DK III-Deponie (für gefährliche Abfälle) gebracht werden.

Bisher sind acht Einwendungen gegen das Großprojekt eingegangen. Kritiker warfen viele Fragen auf:

Einwand: Das Unternehmen stellte nur einen Teil der Unterlagen ins Internet.

In der Tat hat es keinen Katalog der Abfallarten veröffentlicht. Dazu ist SARPI aber auch nicht verpflichtet. Die „entscheidungserheblichen“ Informationen über die Auswirkungen der Anlage auf die Nachbarschaft seien veröffentlicht worden, so das Unternehmen. Dr. Roland Gaschnitz, sachkundiger Bürger der Wählergemeinschaft Die Grünen, kritisiert: „Da drängt sich der Eindruck auf, dass der Antragsteller entscheidet, was entscheidungserheblich ist.“

Auch die Bezirksregierung Münster „fand es nicht sehr glücklich, dass der Katalog nicht mit dabei war“. Das sagte Arnd Sahrhage, Leiter des Dezernats für Immissionsschutz. Bei den Auswirkungen sei aber die ganze Palette der Schadstoffe betrachtet worden. Auf Anfrage hätte die Bezirksregierung die vollständigen Unterlagen elektronisch versandt. Radioaktive Abfälle sollen übrigens nicht in die Anlage kommen.

Weshalb wird die Anlage überhaupt um mehr als die dreifache Kapazität erweitert? Und weshalb wird zusätzlicher Müll verarbeitet, der nicht aus dem Chemiepark kommt?
Die externen Abfälle werden aus der Region kommen, erklärte Raphaël Wietzke, SARPI-Geschäftsführer für Deutschland. Die Anlage brauche den richtigen Mix, um gut und sauber verbrennen zu können. Nur hochkalorische Abfälle (mit hohem Brennwert) aus dem Chemiepark Marl wären ungünstig, zudem unwirtschaftlich. Da auch Chemieunternehmen in Düsseldorf oder Leverkusen aus der Kohle aussteigen, entstünden Industrierückstände, die nicht mehr in Kohlekraftwerken verbrannt werden können. Für deren Entsorgung sei der Chemiepark der richtige Standort. Das Einsparen von CO2-Emissionen und die Wiederverwertung von Energie seien große Vorteile für die Umwelt.

Entstehen gesundheitliche Belastungen?

Michaela Braun, Immissionsschutzexpertin der Bezirksregierung Münster, sieht keine nennenswerten gesundheitlichen Beeinträchtigungen: „Sonst dürften wir die Anlage gar nicht genehmigen.“ Auch die Verträglichkeit für Flora und Fauna in von der EU besonders geschützten Gebieten wie den Lippeauen werde geprüft. Gutachter hätten nachgewiesen, dass diese Gebiete nicht geschädigt werden.

Was kommt von den Immissionen außerhalb des Chemieparks an?

Experten versichern, dass „nur ganz feine Anteile“ die Anlage verlassen werden. Sie seien für Prognosen gar nicht relevant. Dr. Carl-Georg von Richthofen, Leiter der Immissions- und Emissionsmessungen bei Evonik, betonte, unabhängige Gutachter hätten nur eine geringe Vorbelastung gemessen. Das Landesumweltamt habe seine Messstelle Anfang 2020 aufgrund geringer Werte rückgebaut. In der Region Marl gebe es keinen Hotspot.

Gutachter Uwe Hartmann vom Aneco-Institut für Umweltschutz sieht ebenfalls keine Gefährdung der Luftreinhalteziele. Die Immissionswerte würden eingehalten. Auch Stickoxide, Schwefeloxide und Vanadium seien gemessen worden.

SARPI als Marktführer in Europa

SARP Industries ist eine Tochter des französischen Veolia-Konzerns und betreibt 75 Wiederverwertungs- und Entsorgungsanlagen in neun europäischen Ländern. Das Unternehmen sieht sich als europäischen Marktführer bei der Verwertung gefährlicher Abfälle.

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