150 Jahre §218

Abtreibung: Bis heute ein Tabuthema am Rande der Legalität

Seit dem 15. Mai 1871 ist der §218 im Strafgesetzbuch. „pro familia“ fordert, dass Schwangerschaftsabbrüche entkriminalisiert wird. Im Kreis Recklinghausen führt nur ein Arzt Abbrüche durch.
Ungewollt schwanger – und was nun? Die „pro familia“-Beratungsstellen im Kreis Recklinghausen führen jährlich rund 1000 Schwangerschaftskonfliktberatungen durch. © Mascha Brichta (DPA)

Das ist kein Grund zum Feiern: Vor 150 Jahren wurde der „Abtreibungsparagraf“ 218 ins Reichsstrafgesetzbuch aufgenommen. Im Jahr 2021 ist ein Schwangerschaftsabbruch immer noch ein Tabu. „Frauen sprechen nicht über eine Abtreibung. Die Angst vor Verurteilung ist zu groß“, sagt Birgit Schoppmeier-Krügener, Leiterin der Beratungsstelle „pro familia“ in Recklinghausen. Das „Jubiläum“ ist für sie und ihr Team ein Anlass, das Thema in die Öffentlichkeit zu bringen und die Forderung nach einer Entkriminalisierung zu unterstreichen.

Keine Verhütung ohne Risiko

Jede vierte Frau wird statistisch gesehen mindestens einmal ungewollt schwanger.

Die meisten ungeplanten Kinder kommen zur Welt. „Aber Frauen haben ein Recht darauf, sich gegen eine Schwangerschaft zu entscheiden“, betont Birgit Schoppmeier-Krügener.

Und auch wenn der Abbruch in den ersten drei Monaten nach einer Beratung rein juristisch erlaubt ist, „so hat er auf einer moralisch-ethischen Ebene immer noch etwas Verbotenes“, ergänzt Beraterin Britta Kaufmann. In den rund 1000 Schwangerschaftskonfliktberatungen, die „pro familia“ im Kreis pro Jahr durchführt, erfährt das Team von unterschiedlichsten Einzelschicksalen. „Darunter sind auch Frauen, die immer gesagt haben, dass eine Abtreibung für sie nicht infrage käme. Aber dann befinden sie sich in einer Lebenssituation, in der sie kein Kind bekommen wollen oder können“, sagt Kaufmann. Immerhin sind rund 60 Prozent der Frauen, die eine Konfliktberatung in Anspruch nehmen, bereits Mutter. „Sie wissen also, welch große Veränderung und lebenslange Verantwortung ein Kind bedeuten.“

Immer ein Gefühl von Scham

Stets begleite die Frauen ein Gefühl der Peinlichkeit: „Da steht die über 40-jährige Lehrerin vor mir und schämt sich, dass ihr das passieren konnte. Ungewollt schwanger würden doch nur unerfahrene junge Mädchen“, berichtet Britta Kaufmann aus der Praxis. „Aber es gibt keine hundertprozentig sichere Verhütungsmethode“, macht Birgit Schoppmeier-Krügener deutlich. „Selbst Sterilisation, vor allem bei Männern, ist keine Garantie.“ Und dass Frauen, die über Jahre die Pille nehmen, frühestens sechs Monate nach dem Absetzen schwanger werden, ist Statistik. Die Fälle, in denen eine vergessene oder erbrochene Pille ausreicht, gibt es ebenso.

Dabei ist eine Abtreibung nicht nur Frauensache. „Die meisten Männer befinden sich ebenfalls im Schwangerschaftskonflikt“, weiß Britta Kaufmann, „selbst wenn sie bei dem Beratungsgespräch nicht anwesend sein sollten, so sind sie präsent.“ Allerdings: Juristisch sind die Erzeuger außen vor. Im Strafgesetzbuch werden nur die Frauen zur Verantwortung gezogen. „Darum ist es wichtig, den § 218 zu entkriminalisieren“, bekräftigt Birgit Schoppmeier-Krügener. Das bedeute nicht, dass ungewollt Schwangere keine Beratung benötigen: „Wir unterstützen sie dabei, für sich die richtige Entscheidung zu treffen. Das kann, muss aber nicht der Abbruch sein.“

pro familia

Beratungsstellen in der Nähe

  • Recklinghausen, Springstraße 12, Telefon: 02361/26701, E-Mail: recklinghausen@profamilia.de
  • Marl, Wiesenstraße 55, Telefon: 02361/26701, E-Mail: marl@profamilia.de

Nur eine Praxis führt Abbrüche durch

150 Jahre § 218: Auch die medizinische Versorgung von Frauen wird im Kreis Recklinghausen schlechter. „Vor einigen Jahren haben drei Frauenärzte ambulante Schwangerschaftsabbrüche durchgeführt, heute ist es nur noch einer“, berichtet Dr. Christine Gathmann, Gynäkologin bei „pro familia“. Von den Krankenhäusern biete nur die Paracelsusklinik in Marl den Eingriff an. „Katholische Krankenhäuser machen das nicht.“

Im Ruhrgebiet gebe es zwar Alternativen. „Aber ich mache mir Sorgen um die künftige Versorgung“, so die Frauenärztin. Für Gynäkologen sei es unattraktiv, Abbrüche anzubieten, und das nicht nur aus finanziellen Gründen. „Viele fürchten, ins Visier sogenannter Lebensschützer zu geraten. Sie bekommen Strafanzeigen, wenn sie nur darüber informieren, dass sie Abbrüche anbieten. Denn schon das könne als laut §219 verbotene Werbung für Abtreibungen angesehen werden.

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