Klimaschutz durch Nahmobilität

Der Mann für die kurzen Wege

Wie komme ich ohne Abgase von A nach B? Wie motiviert man Bürger, das Rad zu nutzen und wie profitiert der Handel davon? Seit zwei Jahren setzt sich David Herz mit solchen Fragen auseinander.
David Herz kümmert sich nicht nur um die Abwicklung der städtischen Lastenradförderungen, er ist auch in seiner Freizeit viel mit dem Lastenrad unterwegs. © Alina Meyer

Das Institut für Demoskopie (IfD) Allensbach fragte mehr als 1000 Bürgerinnen und Bürger, wie Klimaschutz und Pandemie ihr Mobilitätsverhalten verändert haben, wie sie, einfach gesagt, seit Aufkommen dieser Themen, von A nach B kommen. Die Ergebnisse wurden nun im Mobilitätsmonitor 2021 veröffentlicht. Wir haben diese Frage David Herz gestellt. Seit zwei Jahren ist der 32-Jährige als Nahmobilitätskoordinator bei der Stadt. Zeit, um ihn mal vorzustellen.

Sie sind seit Oktober 2019 Nahmobilitätskoordinator in Recklinghausen. Was verbirgt sich dahinter oder konkreter: Was machen Sie den ganzen Tag?

Ich bin der Stabsstelle „Klima und Mobilität“ angegliedert und verfolge das oberste Ziel, die Klimaschutzziele auf lokaler Ebene einzuhalten und die Verkehrswende in Recklinghausen voranzutreiben. Damit ist der Prozess gemeint, den Verkehr langfristig umweltfreundlicher zu gestalten und Auto-, Rad- und Busverkehr mehr zu vernetzen. Meine Schwerpunkte sind die Fuß- und Radverkehrsförderung. Ich bin in ständigem Austausch mit den städtischen Klimaschutzmanagerinnen, mit Verbänden wie dem ADFC, mit Fahrradhändlern, mit Schulen, Kitas und auch mit anderen Städten. Dann begleite ich Kampagnen, wie „Frischer Wind“ Anfang des Jahres und Aktionen wie das Stadtradeln. Ich bin also die Schnittstelle zwischen Interessensgruppen und Stadtverwaltung.

Das heißt, Sie überzeugen die Bürger davon, Ihr Auto abzuschaffen und aufs Rad umzusteigen?

Nein, das ist nicht meine Intention. Auf den Straßen muss es ein Miteinander geben zwischen Autofahrern, Radfahrern und Fußgängern. Alle Verkehrsteilnehmer haben ihre Berechtigung. Unser städtisches Ziel ist es, mehr Mobilität bei weniger Verkehr zu ermöglichen. Dabei legen wir den Finger besonders auf die Kurzstrecken. Es ist bekannt, dass die Deutschen ihr Auto zu etwa 60 Prozent für Strecken nutzen, die kürzer als fünf Kilometer sind. Zu Fuß oder mit dem Rad ist man da oft schneller, das weiß ich aus eigener Erfahrung. Allein die Fahrerei bei der Parkplatzsuche kostet unnötig viel Zeit. Wir wollen die Bürger mit verschiedenen Aktionen und Maßnahmen dazu ermuntern, gerade für solche Strecken das Fahrrad zu nutzen und es generell stärker in ihren Alltag zu integrieren.

Wir schaffen immer wieder kleine Anreize, zum Beispiel an den Aktionstagen. Bürgerinnen und Bürger, die mit ihrem Fahrrad in die Stadt gefahren sind, haben Fünf-Euro-Gutscheine bekommen, die sie im Handel oder in der Gastronomie einlösen konnten. Wir haben diese Gutscheine an allen bisherigen Aktionstagen verteilt und so einen positiven Anreiz geschaffen. Die Resonanz war sehr gut. Damit haben wir genau die Bürger erreicht und gelockt, die das Fahrrad als Verkehrsmittel mal ausprobieren wollten. Auch weitere Städte sind von dieser Idee angetan und haben uns zu unseren Erfahrungen befragt. Doch das ist nur ein Baustein. Natürlich arbeiten wir auch intensiv daran, das Radwegenetz auszubauen und vorhandene Radverkehrsanlangen zu optimieren.

Und wie wollen Sie das anstellen?

Wie steht der Einzelhandel dazu, dass die Bürger an den Aktionstagen vermehrt mit dem Fahrrad in die Stadt fahren sollen? Ausgiebige Shoppingtouren wären allein aus Transportgründen kaum möglich.

Einige Einzelhändler haben tatsächlich Angst, dass die Kunden nicht kommen, wenn sie aufs Auto verzichten müssten. Diese Sorge ist aber unbegründet. Der Transportmangel kann aus Händlersicht von Vorteil sein. Prinzipiell gilt: Wer zu Fuß oder mit dem Rad unterwegs ist, geht häufiger einkaufen, weil er weniger transportieren kann. Und wer häufiger in die Stadt kommt, gibt dort häufiger Geld aus und verweilt länger. Die Kombination aus Einzelhandel und Gastronomie ist hierbei das Erfolgsmodell. Und dann gibt es da ja auch noch das Lastenrad, um größere Einkäufe zu transportieren.

Die sind aber nicht gerade günstig in der Anschaffung.

Das stimmt, ein Lastenrad kostet zwischen 1500 und 10.000 Euro, durchschnittlich etwa 5000 Euro. Die Stadt bezuschusst 30 Prozent der Anschaffungskosten, höchstens jedoch 1000 Euro pro Lastenfahrrad und höchstens 100 Euro pro Fahrrad-Lastenanhänger. Seit Jahresanfang sind 60 solcher Anträge bei uns eingegangen. Bislang haben wir 30 Anträge mit 30.000 Euro aus dem Fördertopf bezuschussen können. Die übrigen Anträge stehen auf der Warteliste und sind in Bearbeitung.

Hat die Corona-Pandemie etwas an dem Mobilitätsverhalten der Recklinghäuser verändert? Die Mobilitäts-Studie besagt, dass 61 Prozent der Bürger zurzeit weniger reisen, jeder Dritte fährt weniger Auto und stattdessen mehr Fahrrad.

Natürlich war und ist die Pandemie ein großer Störfaktor für unsere Routinen. Viele Bürger haben gezwungenermaßen von zu Hause gearbeitet und das Auto stehen lassen. Reisen war kaum möglich. Der öffentliche Nahverkehr hat vorübergehend viele Fahrgäste verloren. Aber all das sind nur Momentaufnahmen. Wir befinden uns noch immer in der Pandemie und wissen nicht, ob das kurzzeitig veränderte Verhalten langfristig beibehalten wird. Es wird sicherlich auch Bürger geben, die nun überzeugter denn je sind vom Autofahren. Wir wollen demnächst eine Befragung zum Mobilitätsverhalten in Recklinghausen starten und sie in zehn oder in 15 Jahren wiederholen, um Entwicklungen ablesen zu können.

Müssen sich die Recklinghäuser künftig einschränken, um die Umweltbelastung durch den Verkehr zu reduzieren? In der Studie liegt der Anteil der Bevölkerung, der das denkt, immerhin bei 36 Prozent.

In der Reduktion des Autoverkehrs gibt es seit 30 Jahren keine Verbesserung in Deutschland. Aus Klimasicht fahren wir eine Nulllinie. Um dies zu ändern, werden wir dem Umweltverbund aus ÖPNV, Fuß- und Radverkehr mehr Raum bieten müssen und klimaschädliche Verhaltensweisen, wie Kurzstrecken mit dem Auto zu fahren, stärker verhindern. Ohne Einschränkungen für den motorisierten Verkehr wird das vermutlich nicht funktionieren. Dabei sollten wir uns an Nachbarländern, wie den Niederlanden orientieren. Sie sind uns bei der Radverkehrsförderung gute 30 Jahre voraus.

Jetzt haben wir viel über Radverkehr gesprochen. Wie wollen Sie den Fußverkehr in Recklinghausen fördern, den zweiten Schwerpunkt ihrer Arbeit?

Die Fußverkehrsförderung gibt es noch nicht so lange, auch in der Wissenschaft ist da noch nicht viel zu finden. Dabei geht es zum Beispiel um Parkraumverknappung durch ruhenden Verkehr (Anm. d. Red.: parkende Autos). Wir wollen gut begehbare Wege schaffen, auf denen auch zwei Kinderwagen nebeneinander passen. Natürlich kann man nicht alle Fußwege vier Meter breit ausbauen, wir müssen das kanalisieren. Daneben geht es auch darum, die unterschiedlichen Bedürfnisse von Fußgängern, zum Beispiel von Eltern mit Kinderwagen, von Menschen mit Behinderungen und von älteren Menschen mit Rollatoren stärker einzubeziehen.

Welche Bedürfnisse sind das?

Es gibt ältere Menschen, die kaum noch in die Stadt laufen, weil es auf dem Weg dorthin keine öffentlichen Toiletten gibt. Die fehlende Toilette ist für sie ein Grund, zu Hause zu bleiben. Das hat bei mir einen Aha-Effekt ausgelöst. Solche Probleme müssen erst einmal erkannt werden. Um diesem Thema mehr auf den Grund zu gehen, ist zum Beispiel ein Stadtteilspaziergang mit Menschen mit diesen unterschiedlichen Bedürfnissen im Paulusviertel geplant, mit Unterstützung des Stadtteilmanagers Helmut Scholtz. Und offenbar müssen wir bekannter machen, dass in der Altstadt das Projekt „Nette Toilette“ umgesetzt wird. Das heißt, viele Gastronomen stellen ihre Toiletten auch Nichtkunden zur Verfügung.

Was sind weitere Projekte, die demnächst für Sie anstehen?

Da ist zum Beispiel der „Fahrradtag“, der voraussichtlich am 18. September in größerer und attraktiverer Form auf dem Rathausplatz stattfindet und natürlich das Stadtradeln, das am 29. August startet. Bisher haben sich etwa 20 Teams angemeldet. Erwartungsgemäß kommen in den Wochen kurz vor Start noch weitere Teilnehmer hinzu. In den letzten Jahren gab es rund 40 Teams. Es dürfen sich also gerne weiterhin alle Bürgerinnen und Bürger anmelden unter www.stadtradeln.de/recklinghausen.

Zur Person: David Herz stammt aus Sigmaringen (Baden-Württemberg), ist 32 Jahre alt, verheiratet und Vater von zwei Kindern. Er hat an der Universität Tübingen und an der Universität Freiburg Geografie studiert und beim Zukunftsnetz Mobilität NRW eine Fortbildung zum Mobilitätsmanager absolviert. In seiner Freizeit ist er mit dem Lastenrad unterwegs, ein Auto besitzt er nicht. Dafür geht es seit Kurzem mit dem Wohnmobil auf Reisen.

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