Portugal gegen Deutschland

Die zwei Herzen des Carlos Carvalho

Seit fast 50 Jahren lebt der Portugiese (78) im Kreis Recklinghausen. Für das heutige EM-Spiel wünscht er sich ein Unentschieden. Während der Partie wird Carvalho vermutlich „Stullen“ essen.
Zwei Herzen schlagen vor dem EM-Vorrunden-Spiel zwischen Portugal und Deutschland in der Brust von Carlos Carvalho. Einerseits drückt er seinem Heimatland die Daumen, andererseits seiner Wahl-Heimat. Das Wunschergebnis des Recklinghäusers ist daher ein Unentschieden. © Meike Holz

Wer einen Portugiesen nach dem besten Spieler aller Zeiten fragt, kann sich auf die Antwort „Eusebio“ einstellen. Wenn das 78-jährige Gegenüber dann aber beinahe beiläufig erwähnt, dass er dem portugiesischen Ausnahmespieler mal in einem Freundschaftsspiel gegenübergestanden habe, ist das Staunen groß.

Wenn am Samstagabend (19. Juni) um 18 Uhr die deutsche und die portugiesische Elf bei der Europameisterschaft aufeinander treffen, dann schlagen in Carlos Carvalhos Brust zwei Herzen. Im weiteren Gespräch mit ihm wird schnell klar, dass das nicht bloß eine Floskel ist: „In Portugal habe ich 28 Jahre meines Lebens verbracht, in Deutschland fast 51.“

Carvalho wird in der Ortschaft Sines groß. Das ehemalige Fischerdorf zähle etwa 11.000 Einwohner, gelegen „zwischen Lissabon und der Algarve“. Im Oktober 1971 kommt er als Gastarbeiter nach Deutschland, lebt knapp drei Jahre in Marl, arbeitet dort in einem Betonwerk. Nach einem kurzen Zwischenspiel in Wanne-Eickel landet er schließlich in Recklinghausen am Oerweg. Seit 38 Jahren wohnt er nun mit seiner Frau Maria Madalena an der Halterner Straße.

Freundschaftsspiel gegen den großen Eusebio

Aber wie war das mit Eusebio? Carvalho erzählt, dass er in Portugal bei einer „Filiale“ von Benfica Lissabon auf rechts außen gespielt habe: „Unser Verein war dort eingegliedert. Wir hatten die gleichen Trikots, es stand nur ,Sines‘ drauf.“ Eines Tages habe es dann ein Benefiz-Freundschaftsspiel gegeben – mit dem großen Eusebio. Haushoch habe sein Bezirksliga-Team verloren, sagt Carvalho, der sich auch mit dem portugiesischen Idol unterhalten habe: „Er war ein ganz netter, freundlicher Mensch. Leider hat er nach dem Fußball mit den Casinos, dem Whiskey und den Damen angefangen.“ Sein aktueller Lieblingsspieler, der Cola-Verächter Ronaldo, ist da aktuell eher nicht gefährdet.

Ein dunkles Kapitel gibt es auch in Carvalhos Leben. Eines, das ihn auf tragische Weise mit dem gebürtigen Mosambikaner Eusebio verbinde, so erzählt es der Portugiese. Als Unteroffizier des Militärs habe er in den 60er Jahren gegen seine Überzeugung zwei Jahre lang im Kolonialkrieg in Mosambik gekämpft – und dort Grausames erlebt. „Meine Einheit ist mit 242 Männern hin, nur 142 sind zurückgekehrt. Es hat eine Zeit gedauert, bis ich das verarbeitet habe“, sagt Carvalho und zieht Parallelen zum Vietnamkrieg. Fußball habe er seitdem nie wieder gespielt.

Trainer beim PSV Recklinghausen

Als Trainer aber sei er dem runden Leder treu geblieben: „Ich war von 1982 bis etwa 2000 Trainer beim PSV Recklinghausen, erst habe ich die Junioren trainiert, später die Senioren.“ In dieser Zeit sei er 17 Jahre lang mit den Jugendlichen des Vereins im Sommer in seine Heimat Sines gefahren. Er erinnere sich daran, dass seine Kicker zu ihm gesagt hätten: „Für uns ist immer alles so ernst, ihr seid so locker.“ Und genau das sei eine Sache, die Deutsche von Portugiesen lernen könnten. Seine Heimat vermisse er nicht, sagt Carvalho, sehr wohl aber die dortige Lebensart, die sich deutlich von der hiesigen unterscheide. Können die Portugiesen denn auch etwas von den Deutschen lernen? „Ja, Pünktlichkeit zum Beispiel. Und Sauberkeit.“ Obwohl letztgenannte auch nachgelassen habe, will Carvalho beobachtet haben.

Der 78-Jährige schwört auf das deutsche „Abendbrot“

Im EM-Fieber sei er nicht. „Früher habe ich bei jedem Fehlschuss oder Fehlpass geschimpft. Heute bin ich da ganz entspannt.“ Das heutige Spiel zwischen Portugal und Deutschland schaue er daheim, vielleicht mit einem Nachbarn. Bei der Frage, was es zu essen gibt, holt der 78-Jährige aus: In seiner Heimat werde jeden Abend üppig und warm gegessen. Magenprobleme habe er deshalb bekommen. In Deutschland sei er dann auf „Stullen“ umgestiegen – und habe fortan keine Beschwerden mehr gehabt. Es folgt ein Hohelied auf das deutsche „Abendbrot“.

Carlos Carvalho mit den zwei Herzen in der Brust wünscht sich ein Unentschieden, wohlwissend, dass die Partie für Deutschland „fast wie ein Endspiel“ sei. Aber mit einem Sieg über Ungarn könne die Löw-Elf als guter Drittplatzierter schließlich noch ins Achtelfinale einziehen. Das Problem der deutschen Mannschaft will er in der Offensive ausgemacht haben, das des portugiesischen „Legionär-Teams“ in der fehlenden Gemeinschaft. Ganz anders Italien, Carvalhos EM-Favorit.

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