Nach Sexismus-Debatte: Anna Kavena zeigt, dass auch Frauen Dächer decken können

Redakteur
Eine Frau und ein Mann stehen auf einem abgedeckten Dach und haben Dachziegel in den Händen.
Steht auch als "Rooferin" ihre Frau: die SPD-Landtagsabgeordnete Anna Teresa Kavena. © privat
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Der Fachkräftemangel hat längst auch Dachdeckerbetriebe erreicht. Die Firma Meschede an der Maria-von-Linden-Straße in Recklinghausen suchte Personal mit einer Werbekampagne, die Aufsehen erregte. Die Annoncen richteten sich an Frauen, die ihre Männer dazu überreden sollten, bei Meschede anzuheuern. Als Belohnung winkten Einkaufsgutscheine. So weit die mit Klischees spielende, von einer Werbeagentur ausgetüftelte Kampagne.

Womit Inhaber Christoph Meschede nicht gerechnet hatte: Die Anzeigen ernteten in sozialen Medien mehrere Sexismus-Vorwürfe. Die für Recklinghausen und Oer-Erkenschwick gewählte SPD-Landtagsabgeordnete Anna Teresa Kavena schaltete sich ein, versuchte zu vermitteln – und bot sich schließlich an, den Beweis zu erbringen, dass auch Frauen Dächer decken können. Und das mit einem Tagespraktikum auf einer Baustelle der Firma aus Suderwich.

Eine Frau und ein Mann stehen auf einem abgedeckten Dach und haben Dachziegel in den Händen.
Auch Frauen können Dächer decken. Das bewies die Recklinghäuser SPD-Stadtverbandsvorsitzende. © privat

Diesen Beweis hat die Mutter zweier Kinder nun erbracht. „Häufig vertritt Politik Arbeitsfelder, die man entweder aus der eigenen Erfahrung oder dem eigenen Umfeld kennt. Umso dankbarer bin ich, dass ich heute die Chance erhalten habe, über den Tellerrand zu schauen, und ein wenig aus der Praxis zu berichten“, meinte Kavena nach dem Einsatz auf einer Baustelle in Dortmund. Von 7 Uhr in der Früh bis in den Nachmittag hinein habe ihre Schicht auf dem Dach gedauert.

Harte Arbeit sei für sie nichts Ungewöhnliches, meint die Sozialdemokratin, die bis zur Landtagswahl als Sozialpädagogin bei der Recklinghäuser Kreisverwaltung arbeitete: „Ich habe seit meinem 16. Lebensjahr angefangen zu malochen.“

Politiker, so Kavena, können nur dann die richtigen Entscheidungen treffen, wenn sie dieselben Erfahrungen gemacht haben, wie Millionen andere hart arbeitende Bürgerinnen und Bürger.

Vier Männer und eine Frau stehen bzw. hocken auf einem Dach.
Anna Teresa Kavena löste ihr Versprechen ein und absolvierte nach der Sexismus-Debatte um eine Werbekampagne ein Tagespraktikum beim Dachdeckerbetrieb Meschede. © privat

Einer dieser „Malocher“ ist Meschedes Mitarbeiter Mohammed. Der 20-Jährige plant über das Hier und Jetzt hinaus: „Ich denke an später. Über 40 Jahre bis zur Rente werde ich diese körperliche Arbeit nicht schaffen, deshalb mache ich jetzt schon eine Zusatzqualifikation zum Bautechniker.“

Fachkräftemangel: Vier türkische Mitarbeiter warten auf ihr Visum

Laut Kavena müsse ein Umdenken in der Politik stattfinden. Andernfalls werde die Situation noch drastischer. „Das Praktikum hat mir gezeigt, dass der menschliche Körper, egal ob männlich oder weiblich, nicht in der Lage ist, dieser Belastung bis ins hohe Alter standzuhalten. Auf politischer Ebene muss diskutiert werden, wie gute Bezahlung, aber auch ein realistisches Arbeitsende in solchen Tätigkeitsfeldern zu definieren sind, damit Handwerkerinnen und Handwerker mit 55 Jahren nicht im Hartz-IV-Bezug landen. Eine gute Bezahlung und Rente mit 55, wie bei den Bergleuten, sei die einzige Möglichkeit, Berufsfelder wie diese vor dem Aussterben zu bewahren.

Auch ganz pragmatisch und konkret könnte Anna Teresa Kavena dem Dachdeckerbetrieb Meschede helfen. So will sich die Abgeordnete an die deutsche Botschaft in Ankara wenden, um die Visa-Ausgabe an vier türkische Fachkräfte zu beschleunigen. Nur mit Visum kann das Quartett seinen Dienst bei Christoph Meschede aufnehmen.