Migration

Wenn Einwanderung ein Gesicht bekommt

Migranten hat es gerade hier bei uns im Ruhrgebiet schon immer gegeben. Eine Aktion im Rahmen der Ruhrfestspiele verdeutlicht das sehr anschaulich.
Sie preisen die Aktion an: (v.l.) Intendant Olaf Kröck, Geschäftsführerin Rita Beckmann, Mohammed und Shahd Saadeddin, Gerburgis Sommer und Andreas Leib. © Ulrich Nickel

Shahd (13 Jahre) und Mohammed Saadeddin (17 Jahre) sind vor fast fünf Jahren aus Syrien nach Deutschland geflüchtet und froh, in Freiheit zu leben und Freunde gefunden zu haben. Dürfen sie für immer in Deutschland bleiben? Was bringt für sie die Zukunft?

Ihre eigenen Geschichten, Befürchtungen, Gefühle und Ängste haben die Teenager in einem kleinen Porträt erzählt, das im Internet abrufbar ist und auf einer von zwei Video-Stelen präsentiert wird. Vor der Kamera berichten insgesamt 60 Menschen aus verschiedenen Ländern von ihren Erlebnissen des Ankommens in Recklinghausen, Gelsenkirchen oder Bottrop. Mit einem Klick auf das Gesicht jedes Menschen offenbaren sich die Geschichten.

Traurig, witzig und fast immer emotional

Im Lauf der vergangenen 75 Jahre sind die Migranten aus unterschiedlichen Gründen ins Ruhrgebiet aufgebrochen in eine ungewisse Zukunft und lassen Interessierte teilhaben an ihren persönlichen Erfahrungen. Diese rücken mal traurige Schicksale in den Fokus, aber sie können auch witzig, emotional, herzlich und ergreifend sein.

Die Interviewpartner wollten wissen, wie sich die Menschen in unserer Umgebung eingelebt haben, welche Visionen sie in sich tragen und welche Wünsche sie begleiten. Diese Schilderungen ergänzen in idealer Weise jeden theoretischen Geschichtsunterricht, weil die Erzählungen die Gefühle jedes Menschen ansprechen und einen kostbaren Erfahrungsschatz bilden. Bis Ende August sind diese Interviews abrufbar.

„Wir möchten diese Erlebnisse in die Städte unserer Region tragen.“

„Unsere Video-Stelen bringen die persönlichen Integrationsgeschichten an wechselnde Orte in den Kreis Recklinghausen, nach Gelsenkirchen und Bottrop und können ausgeliehen werden“, erklärt Gerburgis Sommer, Projektmanagerin bei Re/init e.V. Der Verein unterstützt Menschen in der Emscher-Lippe-Region, persönliche und berufliche Perspektiven zu entwickeln. „Wir möchten diese Erlebnisse in die Städte unserer Region tragen.“

Emilianus kam aus Sardinien ins Ruhrgebiet und hat seine Fertigkeiten als Zinngießer weiter getragen. Salvatore entwickelte sich vom Gastarbeiter zum Geschäftsmann. Robert aus Togo arbeitete 40 Jahre im Prosper-Hospital, Bernd floh als Kind 1945 im Krieg. Shaw aus Malaysia verliebte sich Ende der 1990er-Jahre in einen Gelsenkirchener. Die Geschichten bilden die bunte Palette der Erlebnisse unserer Mitmenschen ab und machen deutlich, vor welchen Herausforderungen Flüchtlinge und Migranten stehen.

Olaf Kröck will die Kinder unterstützen

„In 15 Workshops wollen wir den Migranten ein Gesicht geben und Zugewanderte sowie Alteingesessene ins Gespräch bringen“, erklärt Sommer die Intention des Projektes „Migrationsgeschichten aus vier Generationen“.

Ruhrfestspiel-Intendant Olaf Kröck freute sich darüber, dass die Präsentation zumindest noch in den letzten Tagen des Festivals gezeigt werden kann. „Ich plädiere dafür, in der Pandemie auf Scheingefechte beispielsweise zur Maskenpflicht zu verzichten und die Kinder zu unterstützen, die durch die Krise doppelt belastet sind, insbesondere diejenigen mit Migrationshintergrund. Menschen, die jung sind, wollen und können nicht so, wie sie sich das vorstellen. Wir sollten uns überlegen, wie wir ihnen helfen können“, so Kröck: „Das Projekt begeistert mich, weil Geschichten von Menschen erzählt werden und sie nicht belehrend sind.“

Auch Andreas Leib, stellvertretender Bürgermeister Recklinghausens, kam als Aussiedler nach Deutschland und kann von sich sagen, es geschafft zu haben. „Ich kann mich gut in die Menschen hineinversetzen“, schildert Leib.

Der Abend in Marl

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