Persönliches

Erwachsen werden oder lieber wieder Kind sein?

Wird man erwachsen, verlässt man seine kleine Welt. Plötzlich wird einem bewusst, dass man nicht mehr zurück kann. Dinge, die mal wichtig waren, verschwinden. Meret hat daher einen Wunsch.
Früher hat Meret mit ihrer Schwester draußen die Welt erkundet bis die Sonne unterging und es Zeit für den Sandmann war. © pixabay.de

Die Worte „Mama, bitte nur noch eine halbe Stunde“ kennen wahrscheinlich noch viele Kinder und den Eltern klingen sie noch Jahre später in den Ohren. Vor einer so langen Zeit, die dennoch so greifbar ist, war das Bemalen der Straße mit Kreide die wichtigste Aufgabe, die man sich vorstellen konnte, und die Sonne der stärkste Gegner. Denn wenn die unterging, wusste man, es war Zeit ins Bett zu gehen oder noch den Sandmann zu schauen.

Die Tage, an denen man neue Sorten Sandkuchen erfunden hatte und der Sandkasten zur beliebtesten Eisdiele im ganzen Garten wurde, sind Erinnerungen, an die ich mich nur zu gerne erinnere.

Gemeinsame Erinnerungen an die Kindheit

Meine Schwester und ich sind vor ein paar Wochen unsere tägliche Runde spaziert und haben angefangen über unsere Kindheit zu reden. Dabei ist mir erst einmal bewusst geworden, wie erwachsen ich eigentlich geworden bin. Es gibt keine Telefonate zwischen den Müttern mehr, wann das Kind zu Besuch kommen darf. Heute reicht ein einfaches „Ich bin weg“ und ein „Bleib nicht zu lange weg“. Früher war das eine Traumvorstellung sich einfach so zu verabreden und unabhängig von den Eltern zu sein.

Als ich dann jedoch auf unserer üblichen Bank saß und auf das Feld in der Nähe unseres Hauses geblickt habe, wurde mir klar, dass ich die Zeit damals manchmal gerne mit anderen Augen gesehen hätte. Jetzt gerade ist es wichtig, welche Noten man schreibt, wo es nach der Schule hingehen soll und herauszufinden, wie man seine eigene Welt gestalten möchte.

Wichtige Schritte wurden durch Corona genommen

Als Kind war es die Entdeckung, dass es nach dem Sandmann noch weitergeht, was meine Welt verändert hat. Die Videos, die meine Schwester und ich mit Freude drehten oder nur das selbst erfundene Ballspiel auf der Schaukel haben mir ein Lächeln ins Gesicht gezaubert. Heute sind es Partys, Freunde, gute Noten oder ein lustiger Abend mit der Familie. An diesen ganzen Dingen ist nichts Schlechtes. Ich genieße es meine eigenen Schritte zu wählen, herauszufinden was ich mag und was nicht. Aber manchmal war das Leben aus den Augen eines Kindes mit so viel mehr Hoffnung verbunden.

Ein großer Teil des Erwachsenwerdens wurde mir und meinen Freunden zum einen genommen durch das Absagen des Abschlussballs, die Partys, die wöchentlich stattgefunden hätten, oder auch der erste Besuch an der Uni. Das alles können wir gerade nur im beschränkten Maße erleben. Daher bin ich in meinem Kopf eigentlich manchmal noch in der achten Klasse und das Abitur steht noch ganz weit hinten an.

Angst vor einer Zeit ohne Mamas Pausenbrote

Aber jetzt stehe ich nun mal hier. Fertig mit der Schule. Fertig mit so einem großen Teil meines bisherigen Lebens. Die aktuelle Situation hat mir zum einen gezeigt, was aus Fleiß und Ehrgeiz werden kann und wie ich selbst meinen eigenen Weg planen kann. Andererseits hat es mich auch gelehrt, wie wertvoll die Kindheit eigentlich ist.

Früher hat das Sandmännchen Merets Tag beendet. Heute kann sie selber entscheiden, wann sie ins Bett geht – einer der tollen Aspekte am Erwachsenwerden. © picture alliance/dpa/dpa-Zentralbild © picture alliance/dpa/dpa-Zentralbild

Irgendwann wird meine Mutter mir nicht mehr meine Schulbrote fertigmachen. Irgendwann fahre ich nicht mehr mit meiner Freundin zu dem Ort, an dem sich ein großer Teil meiner sozialen Kontakte abgespielt hat. Irgendwann bin ich kein Kind mehr. Und vor dem Moment habe ich Angst.

Ängstlich und freudig Richtung Zukunft

Denn es war toll zu wissen, dass der Sandmann nicht meine letzte Sendung an dem Abend sein wird. Es war toll herauszufinden, dass mit dem Sonnenuntergang nicht der ganze Tag vorbei ist. Und es war toll, die gemachten Brote meiner Mutter in der Schule zu essen. Ein Kind zu sein ist toll.

Doch was mich die Corona-Situation lehrt, ist, dass es spannend ist seine kleine Welt zu vergrößern. Die Angst erwachsen zu werden ist auch mit so vielen Freuden verbunden. Dann feiere ich heute eben eine Party allein in meinem Zimmer und in einem halben Jahr mit wildfremden Menschen in einem Club. Das Abiballkleid wird trotzdem getragen und die so erhofften Freiheiten werden genutzt.

Das jüngere Ich wäre mächtig stolz

Denn wenn mich mein jüngeres Ich jetzt sehen könnte, wäre es stolz auf mich. Ich kann die Haustür nur mit wenigen Worten verlassen, darf auch nach 20 Uhr noch wach bleiben und die so öde Schule wird gegen das spannende Studium eingetauscht. Weil ich erwachsen geworden bin.

Der Prozess des Erwachsenwerdens ist noch lange nicht abgeschlossen, mich graut es nur vor der ersten Steuererklärung. Aber da sind auch ganz viele positive Aspekte. Mein jüngeres Ich würde mich beneiden. Aber ich würde gerne noch einmal sagen: „Mama, bitte nur noch eine halbe Stunde“. Nur noch eine halbe Stunde Kind sein.

Lesen Sie jetzt