Psychologe: „Muss immer damit rechnen, dass eine Routinekontrolle entgleisen kann“

Polizeibeamte stehen an einer Absperrung an der Kreisstraße 22 rund einen Kilometer von dem Tatort, an dem zwei Polizeibeamte durch Schüsse getötet wurden.
Polizeibeamte stehen an einer Absperrung an der Kreisstraße 22 rund einen Kilometer von dem Tatort, an dem zwei Polizeibeamte durch Schüsse getötet wurden. © picture alliance/dpa
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In Rheinland-Pfalz werden ein 29-jähriger Polizeioberkommissar und eine 24-jährige Polizeischülerin bei einer nächtlichen Kontrolle eines Fahrzeuges erschossen. Es wird davon ausgegangen, dass es sich um mehrere Täter handelte – diese sind noch auf der Flucht. Nach einem von ihnen fahndet die Polizei inzwischen mit einem Foto. Vor den Schüssen haben die beiden Polizisten offenbar totes Wild in dem Auto entdeckt, dann gaben sie noch einen Notruf an ihre Kollegen mit den Worten „Die schießen“ durch.

Ganz Deutschland ist schockiert von der Tat. Politikerinnen und Politiker bringen ihr Entsetzen zum Ausdruck. Doch wie können (angehende) Polizistinnen und Polizisten sich auf so eine Situation vorbereiten – ist das überhaupt möglich? Und welche psychologische Betreuung wird Kollegen und Kolleginnen zur Seite gestellt, die das mitbekommen? Darüber haben wir mit Prof. Dr. Dietmar Heubrock gesprochen. Der Diplompsychologe ist Leiter der Arbeitsgruppe Rechtspsychologie an der Universität Bremen und arbeitet seit vielen Jahren auch als Psychologe für Polizeibehörden.

Herr Heubrock, kann man sich überhaupt als Polizist oder Polizistin psychologisch auf so eine Situation vorbereiten?

Das kann man schon, und das wird auch an Polizeihochschulen gemacht. Gerade solche Routinekontrollen auf Streife können auch mal entgleiten. Diese Situationen kann man üben. Dazu gehört zum Beispiel, dass die Polizisten von beiden Seiten an das Auto herangehen und ihre Hand schon ans Pistolenholster legen. Dazu kommt die psychologische Vorbereitung. Man muss immer damit rechnen, dass so eine Situation entgleisen kann. Deswegen darf man in Routinesituationen, auch wenn es nachts und dunkel oder früh morgens ist, nie nachlässig werden. Das Scannen spielt dabei auch eine große Rolle. Dass der Polizist oder Polizistin sich nicht nur das Gesicht desjenigen anschaut, mit dem er im Auto spricht, sondern auch seine Hände und den Innenraum des Wagens scannt.

Um von beiden Seiten ans Auto treten zu können, muss die Streife zu zweit besetzt sein. Ist das die übliche Besetzung?

Ja, die Streifen sind immer zu zweit besetzt, nur zu Ausbildungszwecken auch mal zu dritt. Bei den beiden jetzt erschossenen Polizisten war es eine normale Besetzung.

Wie werden in so einem Fall Kollegen und Kolleginnen der Getöteten psychologisch betreut?

Die einzelnen Länderpolizeien haben da unterschiedliche Strukturen. In Niedersachsen zum Beispiel gibt es regionale psychologische Beratungsstellen. Psychologische Dienste gibt es eigentlich in allen Bundesländern. Die gehen dann direkt zu den Betroffenen. Reden ist in solchen Situationen ganz entscheidend, darum geht es auch schon an den Polizeihochschulen.

Wenn Kolleginnen und Kollegen durch so eine Tat Angst davor bekommen, noch auf Streife zu gehen und Kontrollen durchzuführen, wie kann man damit psychologisch umgehen?

Das ist ein Anlass mehr, daran zu erinnern, dass jede Polizeimaßnahme höchste Konzentration verlangt, auch wenn es zum Beispiel nachts und dunkel ist. Das Gefühl der Angst muss gewendet werden in Vorsicht und Aufmerksamkeit. Wenn die konkrete Situation bekannt ist, wie es zu dem Fall kam – was in Rheinland-Pfalz aktuell noch nicht so ist –, muss sie minutiös durchgesprochen werden und Handlungsalternativen besprochen werden. Aber die meisten Polizeibeamten und -beamtinnen haben vordergründig kein Gefühl der Angst. Das ist bereits Teil der Ausbildung, dass nicht Angst das dominierende Gefühl ist, sondern Vorsicht und Umsicht. Zudem wurde auch die Ausrüstung mit der Zeit immer mehr verbessert.

Die getöteten Polizisten hatten Sicherheitswesten an. Ist das Standard bei solchen Streifefahrten?

Die ballistische Weste, die Stichwaffen oder Projektile abwehren kann, wird bei Nachtfahrten mit Zivilwagen eigentlich üblicherweise getragen, weil die Beamten so auch als Polizisten zu erkennen sind. Aber die schützt natürlich nicht komplett, Arme, Unterkörper und Kopfbereich sind trotzdem frei. Aber die größte Fläche mit Brust, Bauch und Rücken wird geschützt. Die Westen sind so aufgebaut, dass sie Projektile bis 9 Millimeter aufhalten können. Aber, das sind jetzt natürlich nur Mutmaßungen, wenn Wild in dem Auto gefunden wurde und die Täter eventuell mit einer Jagdwaffe geschossen haben, ist das etwas anderes. Das sind stärkere Kaliber, die möglicherweise durch so eine Weste durchgehen können.

Nehmen solche Angriffe auf Polizisten und Polizistinnen zu?

Es ist äußerst selten, dass Beamte mit Schusswaffen tödlich angegriffen werden. Das sind absolute Raritäten, was auch an den strengen Waffengesetzen in Deutschland liegt. Auch wenn man einen Waffenschein hat, darf man die Waffe im Normalfall nicht einfach dabeihaben, außer man ist auf der Jagd. Aber Übergriffe mit Schubsen, Anspucken usw. auf Polizistinnen und Polizisten, aber auch Einsatzkräfte gibt es mittlerweile häufiger.

Der Artikel "Psychologe: „Muss immer damit rechnen, dass eine Routinekontrolle entgleisen kann“" stammt von unserem Partner, dem RedaktionsNetzwerk Deutschland